Cannabis-Verordnung:“Richtig beantragt, sind Ablehnungen selten“

„Richtig beantragt, sind Ablehnungen selten“

Die Umsetzung des Gesetzes zur Cannabis-Verordnung macht in der Praxis oft Probleme. Werden einige Punkte beachtet, sind Ablehnungen der Krankenkassen erfahrungsgemäß selten.

Ärzte Zeitung online, 08.10.2018

Cannabis-Verordnung

BERLIN. Die Verordnung von Cannabinoiden ist keine Regelleistung, sondern unterliegt dem Erstattungsvorbehalt. Der Patient muss einen Antrag auf Kostenerstattung stellen. Bei der Begründung ist darauf zu achten, dass die Therapie lediglich als Add-on-Therapie bei Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung dient. Was „schwerwiegend“ ist, steht im Sozialgesetzbuch V.

Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation der Ärzte Zeitung mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS)

„Schwerwiegende Erkrankungen sind immer Endstadien neurologischer oder internistischer Erkrankungen, chronische Wunden, schwer kontrollierbare Schmerzen oder schwere urogenitale Syndrome“, sagt Dr. Johannes Horlemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS).

Die Schwere der Erkrankung könne zum Beispiel anhand der Eingangsvoraussetzungen in die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) begründet werden, so Horlemann.

In letzterem Fall muss die Genehmigung durch die Krankenkasse innerhalb von drei Tagen erfolgen, in der kurativen Medizin innerhalb von drei Wochen und bei Einschaltung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen innerhalb von fünf Wochen.

Vor der abschließenden Antragsbearbeitung sollte keine Verordnung zulasten der Krankenkasse erfolgen, rät Privatdozent Dr. Michael Überall von der DGS. Auch sei die rückwirkende Erstattung privat getragener Verordnungskosten unwahrscheinlich (CME 2018; 15(3): 49-62).

Realistische Chance auf spürbare Verbesserungen wird verlangt

Verordnung von Cannabinoiden

Was ist beim Antrag auf Kostenübernahme zu beachten?

Die Cannabis-Therapie dient nur als Add-on-Therapie zu einer schwerwiegenden Erkrankung.

Eine Alternativtherapie gibt es nicht.

Es besteht eine Chance auf Besserung unter Cannabinoid-Therapie.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Fehlen einer anerkannten Alternative zur Cannabinoid-Verordnung. Das heißt nicht, dass erst alle Alternativtherapien durchexerziert werden müssen, bevor eine Cannabinoid-Therapie erstattet werden kann.

Horlemann: „Man muss nicht sämtliche Opioide probiert haben, aber schon die gängigen Opioide.“ Hilfreich ist das Erwähnen ausgeschöpfter Standardtherapien oder die Unverträglichkeit üblicher Therapieregimes.

Zudem wird eine realistische Chance auf eine spürbare Besserung unter Cannabinoid-Therapie verlangt. Hierbei geht es nicht um das Beibringen wissenschaftlicher Literatur, sondern um eine inhaltliche Begründung der Verordnung. „Das ist eine individuelle und subjektive Einschätzung des Arztes“, betont Horlemann.

Es sollte sich um unkontrollierte Schmerzen, etwa spastische, neuropathische oder schwere muskuläre Schmerzen handeln. Bedingungen seien zudem Untergewicht, Kachexie und Appetitlosigkeit, anhaltende Schlafstörungen – und möglichst die Kombi mehrerer Aspekte.

Hilfreich könne auch die Einarbeitung einer Mitarbeiterin in das Antragsverfahren sein, so ein weiterer Tipp des Schmerzmediziners, (Schmerzmedizin 2018; 34(1): 43). (ner)

Lesen Sie dazu auch:
Praxisleitlinie: Tipps zur Verordnung von Cannabinoiden

Quelle: Aerztezeitung.de

Cannabis künftig auf Rezept

Cannabis künftig auf Rezept

06.02.2017 Verordnungsinfos

Cannabis können gesetzlich Versicherte künftig bei bestimmten Indikationen auf Rezept erhalten. Der Bundestag hat am 19. Januar 2017 die entsprechenden Gesetzesänderungen verabschiedet. Das Gesetz tritt voraussichtlich im März 2017 in Kraft.

Cannabis zu medizinischen Zwecken aus staatlich kontrolliertem Anbau wird künftig zusätzlich als verkehrs- und verschreibungsfähig im Betäubungsmittelgesetz eingestuft. Bisher galt dies nur für Cannabis, der in Zubereitungen als Fertigarzneimittel zugelassen war.

Eine Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll den Einkauf ausländischer Produkte sowie den Anbau inländischen Cannabis organisieren und überwachen. Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken können Apotheken ausschließlich nach ärztlicher Verordnung abgeben. Die Höchstmenge je 30 Tage beträgt 100 g getrocknete Blüten. Krankenkassen müssen die Kosten im Regelfall erstatten.

Die gesetzliche Neuregelung schafft für Versicherte in eng begrenzten Ausnahmefällen einen Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten. Das gilt aber nur für solchen Cannabis in Form von getrockneten Blüten, der die betäubungsmittelrechtlichen sowie arzneimittel- und apothekenrechtlichen Anforderungen erfüllt und ärztlich verordnet wurde. Auch in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel (zum Beispiel Sativex) fallen unter diese Regelung. In denselben begrenzten Ausnahmefällen sollen Versicherte zudem einen Anspruch auf Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon (Canemes) erhalten.

Eine Verordnung von Medizinalhanf und den oben genannten Fertigarzneimitteln ist künftig möglich für Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung (zum Beispiel starken chronischen Schmerzen), wenn

  • eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann,
  • eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.

Die ersten Verordnungen muss die Krankenkasse vor Therapiebeginn genehmigen; die Kasse darf sie nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung Palliativversorgung (SAPV) muss über den Antrag innerhalb von drei Tagen entschieden werden. Der behandelnde Arzt übermittelt Daten im Rahmen einer nichtinterventionellen Begleiterhebung in anonymisierter Form an das BfArM, das nach fünf Jahren für den Gemeinsamen Bundesausschuss einen Bericht erstellt. Der Umfang der Daten wird durch Rechtsverordnung festgelegt. Wer für die Vergütung der Ärzte aufkommen soll, ist noch offen. Die KBV fordert eine eindeutige Regelung, ob die gesetzliche Krankenversicherung oder gegebenenfalls der Bund als Projektträger der Begleiterhebung für die Vergütung der Ärzte verantwortlich ist.

Welche Möglichkeiten gibt es bisher, Cannabis zu verordnen?

Cannabis-Zubereitungen können als Fertigarzneimittel in der zugelassenen Indikation zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Sativex-Spray (Cannabisextrakt) ist zugelassen zur Zusatzbehandlung von Spastiken bei MS-Patienten, Canemes (Nabilon) ist zugelassen für die Behandlung von chemotherapiebedingter Emesis und Nausea bei jenen Krebs-Patienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen.

Ferner ist es möglich, Dronabinol als Rezeptur zu verordnen. Dronabinol ist als Marinol in den USA zugelassen zur Behandlung von Anorexie und Kachexie bei AIDS und als Antiemetikum im Rahmen einer Krebstherapie. Da es in Deutschland keine Zulassung für das Arzneimittel gibt, muss die Behandlung mit der „off-label“-Rezeptur im Vorfeld durch die Krankenkasse genehmigt werden.

In Einzelfällen konnten Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Medizinal-Cannabis zum Zweck der ärztlich begleiteten Selbsttherapie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Derzeit haben 647 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis. Nach Auskunft des BfArM verlieren die Ausnahmegenehmigungen innerhalb von drei Monaten nach Inkraft-Treten des Änderungsgesetzes ihre Gültigkeit. Derzeit wird von der Beantragung einer neuen Ausnahmegenehmigung abgeraten, weil die Genehmigung länger dauert, als die Umsetzung des Gesetzesentwurfs.

Dr. Holger Neye

Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein