Gericht erlaubt Fahren unter Drogeneinfluss

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Medizinal-Cannabis

Veröffentlicht: 29.10.2019, 14:20 Uhr

Düsseldorf. Kranke, denen ihr Arzt Medizinal-Cannabis verordnet hat, dürfen auch unter Einfluss der Droge Auto fahren. Voraussetzung ist, dass ihnen ein Gutachten trotzdem die Fahrtauglichkeit bescheinigt, urteilte das Verwaltungsgericht Düsseldorf.

Übliches Kriterium für den Einzug des Führerscheins ist, dass Autofahrer Drogenkonsum und Autofahren nicht voneinander „trennen“ können, sprich, dass sie wohl auch unter Drogeneinfluss fahren werden. Auch beim Kläger hatte ein medizinisch-psychologischer Gutachter dies so gesehen. Der Rhein-Kreis in Neuss nahm ihm deshalb den Führerschein ab.

Gleichzeitig bescheinigte das Gutachten dem Kläger aber „seine psycho-physische Leistungsfähigkeit unter Cannabiswirkung“. Nach dem Urteil darf er deshalb seinen Führerschein behalten. Dabei stellte das Gericht mehrere Voraussetzungen auf.

So müsse sicher sein, dass der Autofahrer „Cannabis zuverlässig nur nach der ärztlichen Verordnung einnimmt“. Dies dürfe keine negativen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr haben, und auch die Grunderkrankung, deretwegen Cannabis verordnet wurde, dürfe „der sicheren Verkehrsteilnahme nicht im Wege stehen“.

Generell müssten Autofahrer „verantwortlich mit dem Medikament umgehen“ und zumindest vorübergehend auf das Autofahren verzichten, wenn etwa die Dosis verändert worden ist. Im Streitfall ergebe sich aus dem medizinisch-psychologischen Gutachten, dass der Kläger diese Voraussetzungen erfüllt, so die Richter.

Die zuständige Behörde dürfe aber in Zeitabständen vom ihm ein neues Gutachten anfordern, damit die Langzeitwirkung der Drogeneinnahme überprüft werden kann. (mwo)

Verwaltungsgericht Düsseldorf: Az.: 6 K 4574/18

Quelle: aerztezeitung.de (29.10.2019)

So klappt es mit der Cannabis-Verordnung

Ärzte Zeitung online, 03.12.2018

Medizinalhanf

Ein Drittel aller Anträge auf eine Cannabistherapie wird von den Kassen abgelehnt. Häufigste Begründung: Es gebe Therapiealternativen.

MANNHEIM. Seit März 2017 haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Versorgung mit Cannabis. Allerdings bedarf die Cannabis-Therapie der Genehmigung durch die Kasse. „Im Gesetz werden keine Indikationen genannt, es wird allgemein von schwerwiegenden Erkrankungen gesprochen“, erinnerte Isabel Kuhlen, Juristin und Apothekerin aus Vellmar, bei einer von Bionorica unterstützten Veranstaltung zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) in Mannheim.

Schwerwiegend sei eine Erkrankung, wenn sie lebensbedrohlich ist oder die Lebensqualität auf Dauer stark einschränkt, so Kuhlen. Hierzu zählten etwa MS oder Aids, für die schon früher Off-Label-Therapien mit Cannabis möglich waren. Ebenfalls unter schwerwiegende Erkrankungen fielen ein Kachexie-Syndrom bei fortgeschrittenem Tumorleiden, schwer kontrollierbare, besonders viszerale Schmerzen sowie chronischer Wundschmerz bei Dekubitus und chronifizierte schwerste Schmerzen mit Aufhebung der Schlafarchitektur oder auch Vorderfußamputation wegen diabetischen Fußsyndroms.

Wichtigstes gesetzliches Genehmigungs-Kriterium sei allerdings, dass eine allgemein anerkannte Therapie nicht zur Verfügung steht oder nach Einschätzung des Arztes nicht angewandt werden kann. Kuhlen: „Ein Drittel aller Anträge auf Cannabis-Therapie wird von den Kassen abgelehnt, zwei Drittel davon mit der Begründung, es gebe Therapiealternativen“. In einem Antrag müsse daher immer stehen, dass es keine sinnvollen Alternativen gebe. Es sei wichtig, detailliert zu begründen, warum bestimmte Standardtherapien im konkreten Fall nicht infrage kommen. Kuhlen warnte aber auch davor, falsche Begründungen zu nennen.

„Wer angibt, dass Vortherapien nicht ausreichend wirksam waren, muss diese Therapien auch verordnet haben.“ Die Kasse könne das nachprüfen. Ähnliches gelte, würde man unerwünschte Arzneimittelwirkungen früherer medikamentöser Therapieversuche anführen. „Diese UAW müssen Sie dann auch gemeldet haben.“ Hinreichend begründen lasse sich die Cannabis-Verordnung auch mit der Aussicht auf eine spürbar positive Wirkung auf Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome.

Verordner sollten damit rechnen, dass Kassen die Evidenz der Cannabis-Therapie hinterfragen. Sie forderten zumindest auf die Versorgungssituation des Patienten übertragbare Ergebnisse aus Assoziationsbeobachtungen, Einzelfallberichten, pathophysiologischen Überlegungen oder von Meinungen anerkannter Experten. Ein Kostenübernahmeantrag sei nur bei erstmaliger Verordnung erforderlich, betonte Kuhlen, eine Befristung der Genehmigung unzulässig. Allerdings müsse der Arzt bei jedem Besuch des Patienten erneut darüber befinden, ob eine weitere Verordnung medizinisch indiziert sei. „Das gilt aber ja bei jeder Therapie“. Käme die Kasse damit, rät die Anwältin: „Lassen sie sich nicht von Selbstverständlichkeiten ablenken.“

Hinsichtlich der Kosten nannte Kuhlen Zahlen der Barmer. Danach kosten Fertigarzneimittel und Rezepturen wie Dronabinol oder Nabilon im Mittel 350 bis 700 Euro je Patient und Monat, Blüten rund 1700 Euro. Die Antragstellung müsse im Übrigen durch den Patienten erfolgen. Dieser kann den Vorgang an den Arzt delegieren. „Dann benötigen sie aber auch eine Vollmacht des Patienten“, so Kuhlen. (hub)

Expertenkonsens „Medizinischer Einsatz von Cannabinoiden“: www.cannabinoid-colleg.de

 

Quelle: aerztezeitung.de

Cannabis-Verordnung:“Richtig beantragt, sind Ablehnungen selten“

„Richtig beantragt, sind Ablehnungen selten“

Die Umsetzung des Gesetzes zur Cannabis-Verordnung macht in der Praxis oft Probleme. Werden einige Punkte beachtet, sind Ablehnungen der Krankenkassen erfahrungsgemäß selten.

Ärzte Zeitung online, 08.10.2018

Cannabis-Verordnung

BERLIN. Die Verordnung von Cannabinoiden ist keine Regelleistung, sondern unterliegt dem Erstattungsvorbehalt. Der Patient muss einen Antrag auf Kostenerstattung stellen. Bei der Begründung ist darauf zu achten, dass die Therapie lediglich als Add-on-Therapie bei Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung dient. Was „schwerwiegend“ ist, steht im Sozialgesetzbuch V.

Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation der Ärzte Zeitung mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS)

„Schwerwiegende Erkrankungen sind immer Endstadien neurologischer oder internistischer Erkrankungen, chronische Wunden, schwer kontrollierbare Schmerzen oder schwere urogenitale Syndrome“, sagt Dr. Johannes Horlemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS).

Die Schwere der Erkrankung könne zum Beispiel anhand der Eingangsvoraussetzungen in die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) begründet werden, so Horlemann.

In letzterem Fall muss die Genehmigung durch die Krankenkasse innerhalb von drei Tagen erfolgen, in der kurativen Medizin innerhalb von drei Wochen und bei Einschaltung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen innerhalb von fünf Wochen.

Vor der abschließenden Antragsbearbeitung sollte keine Verordnung zulasten der Krankenkasse erfolgen, rät Privatdozent Dr. Michael Überall von der DGS. Auch sei die rückwirkende Erstattung privat getragener Verordnungskosten unwahrscheinlich (CME 2018; 15(3): 49-62).

Realistische Chance auf spürbare Verbesserungen wird verlangt

Verordnung von Cannabinoiden

Was ist beim Antrag auf Kostenübernahme zu beachten?

Die Cannabis-Therapie dient nur als Add-on-Therapie zu einer schwerwiegenden Erkrankung.

Eine Alternativtherapie gibt es nicht.

Es besteht eine Chance auf Besserung unter Cannabinoid-Therapie.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Fehlen einer anerkannten Alternative zur Cannabinoid-Verordnung. Das heißt nicht, dass erst alle Alternativtherapien durchexerziert werden müssen, bevor eine Cannabinoid-Therapie erstattet werden kann.

Horlemann: „Man muss nicht sämtliche Opioide probiert haben, aber schon die gängigen Opioide.“ Hilfreich ist das Erwähnen ausgeschöpfter Standardtherapien oder die Unverträglichkeit üblicher Therapieregimes.

Zudem wird eine realistische Chance auf eine spürbare Besserung unter Cannabinoid-Therapie verlangt. Hierbei geht es nicht um das Beibringen wissenschaftlicher Literatur, sondern um eine inhaltliche Begründung der Verordnung. „Das ist eine individuelle und subjektive Einschätzung des Arztes“, betont Horlemann.

Es sollte sich um unkontrollierte Schmerzen, etwa spastische, neuropathische oder schwere muskuläre Schmerzen handeln. Bedingungen seien zudem Untergewicht, Kachexie und Appetitlosigkeit, anhaltende Schlafstörungen – und möglichst die Kombi mehrerer Aspekte.

Hilfreich könne auch die Einarbeitung einer Mitarbeiterin in das Antragsverfahren sein, so ein weiterer Tipp des Schmerzmediziners, (Schmerzmedizin 2018; 34(1): 43). (ner)

Lesen Sie dazu auch:
Praxisleitlinie: Tipps zur Verordnung von Cannabinoiden

Quelle: Aerztezeitung.de

Die ablehnende Haltung der GKV gegenüber Cannabis

Ärzte Zeitung online, 06.09.2017

Traurig, aber vorhersehbar

Die ablehnende Haltung der GKV gegenüber Cannabis

Wer Anfang März noch glaubte, die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) würde dem Gesetzgeber folgen und den Einsatz von Cannabis als Medizin für schwerkranke Menschen erleichtern, der schlägt gerade hart auf dem Boden der Realität auf.

Von Michael A. Überall

Die Verordnung von Cannabis ist bei Schwerkranken in gewissen Fällen erlaubt.
© Africa Studio / stock.adobe.com

Zugegeben, der Einsatz von Cannabis als Medizin ist – auch unter Experten unverändert – umstritten. Einer überschaubaren Anzahl kontrollierter klinischer Studien steht eine unüberschaubare Anzahl an kasuistischen Erfolgsgeschichten bei Menschen mit unterschiedlichsten therapieschwierigen Krankheiten gegenüber. Entsprechend divergent waren (und sind) die Positionen der externen Evidenz und der individuellen Anwendungserfahrung. Die Befürworter setzen sich für eine Vereinfachung des medizinischen Einsatzes von Cannabis als Medizin ein. Mit den Gegnern – unter anderen angeführt durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) und den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) – lieferten sich die Befürworter lange Zeit einen taktischen Stellungskrieg, bei dem vor allem die Seite der GKV durch den trickreichen argumentativen Ausbau ihrer erstattungsverweigernden Positionen jahrelang den Einsatz von Cannabis als Medizin erfolgreich behinderte.

Die zu beklagenden Opfer dieser sinnlosen Grabenkämpfe waren (und sind!) die Betroffenen. Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen unterschiedlichster Ätiologien, denen die schulmedizinischen Konzepte und evidenzbasierten Leitlinienempfehlungen keine wirklich sinnvollen Behandlungsangebote mehr bieten konnten, bei denen aber durch den Einsatz von Cannabis als Medizin mitunter erstaunliche Verbesserungen von Beschwerdeintensität, funktioneller Alltagsbeeinträchtigungen und Lebensqualität erzielt wurden. Nicht bei Allen! Aber auch nicht bei wirklich Wenigen!

Karten neu gemischt

Neu gemischt wurden die Karten dann am 6. April 2017 mit einem wegweisenden Grundsatzurteil zum Eigenanbau von Cannabis für einen Patienten mit Multipler Sklerose durch den 3. Senat des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG 3 C 10.14) und die darauffolgende Gesetzesinitiative der großen Koalition zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften (Bundestags-Drucksache 18/8965), die am 19. Januar 2017 einstimmig vom Deutschen Bundestag verabschiedet und am 9. März 2017 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde.

Als Folge dieses Gesetzes dürfen seitdem cannabishaltige Arzneimittel als Therapiealternative bei Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen unter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes zu Lasten der GKV eingesetzt werden, wenn eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung im Einzelfall entweder nicht zur Verfügung steht oder diese nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Arztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann und darüber hinaus nach Einschätzung des Behandlers eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder die zugrundeliegende Symptome zu erwarten ist.

Bewusst (und nach intensivem Drängen der medizinischen Gutachter im Rahmen der begleitenden Anhörungen des Gesundheitsausschusses) hat der Gesetzgeber damit die Entscheidung über die Verordnung von Cannabis als Medizin (ohne jegliche Indikationsbeschränkung!) in die Hände der verordnenden Ärzte gelegt und den GKVen „nur in begründeten Ausnahmefällen“ (hier stand insbesondere die Gefahr der missbräuchlichen Anwendung im Raum) die Möglichkeit für eine Ablehnung der Kostenübernahme eröffnet.

Restriktive Haltung der Kassen ist ärgerlich

Dass diese Ausnahmeregelung nun von den Kassen bzw. dem Medizinischen Dienst pervertiert und die Ablehnung der Kostenübernahme meist unter Verweis auf die unzureichende bzw. unzureichend belegte „Schwere der Erkrankung“ bzw. das unvollständige Ausschöpfen aller in Deutschland theoretisch zur Verfügung stehenden (zugelassenen) Behandlungsalternativen als Regelfall exekutiert wird, ärgert!

Noch mehr ärgert, wenn dieselben Krankenversicherungen ihre restriktive Haltung sowohl mit der unzureichenden wissenschaftlichen Evidenz für Cannabis als Medizin und ihrer Verantwortung für die Beiträge ihrer Versicherten begründen, im selben Atemzug jedoch Kunden mit der Zusage der (teilweisen) Kostenübernahme für homöopathische Therapieangebote locken, deren Evidenz im Vergleich zu der von Cannabis allenfalls als „Hochpotenz“ zu bezeichnen ist.

Letztlich boykottieren die Krankenkassen mit ihrer restriktiven Haltung auch die im Gesetz als obligate Voraussetzung für eine Kostenübernahme verankerte wissenschaftlichen Begleiterhebung, mit der nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren eigentlich geklärt werden sollte, bei welchen Indikationen der Einsatz sinnvoll(er) ist und bei welchen (eher) nicht. Bereits die Tatsache, dass der Gesetzgeber darauf verzichtet hat einzelne Indikationen aufzulisten verdeutlicht, dass bis heute (mit Ausnahme der Zulassung der beiden cannabishaltigen Fertigarzneimittel für Spastik bei Multipler Sklerose und Chemotherapie-bedingte Übelkeit und Erbrechen) weitestgehend unbekannt ist, bei welchen Erkrankungen oder Symptomen Cannabis als Medizin indiziert ist. Jetzt diesen Evaluationsansatz durch ein extrem restriktives Genehmigungsverhalten formal zu boykottieren ist ein wissenschaftliches „no-go.

Traurig, aber letztlich leider vorhersehbar!

Quelle: aerztezeitung.de

US-Infoportal schaltet deutsche Seite frei

Ärzte Zeitung online, 15.05.2017

Cannabis

US-Infoportal schaltet deutsche Seite frei

BERLIN/SEATTLE. Das US-amerikanische Internetportal Leafly, nach eigenen Angaben „weltweit die größte Nachrichtenquelle über Cannabis“, hat mit www.Leafly.de jetzt auch ein deutschsprachiges Informationsangebot freigeschaltet.

Patienten und Angehörige erhielten dort Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Cannabis-Verschreibung, heißt es. Ärzte, Apotheker und medizinisches Pflegepersonal könnten sich unter anderem über therapeutische und palliative Einsatzmöglichkeiten, über arzneimittelrechtliche Aspekte sowie im Markt verfügbare Produkte informieren.

Forschern biete das Portal „Erhebungen, Ergebnisse und die neusten Studien zu medizinischem Cannabis aus der Cannabinoidforschung weltweit“. (cw)

Quelle: aerztezeitung.de

KV Nordrhein gibt neue Verordnungsinfo zu Cannabis heraus

 

 

Aufgrund der Gesetztesänderung zur Erlaubnis von Cannabis bei der Behandlung von chronsischen Schmerzen einzusetzen, hat die Kassenärztliche Vereinigung eine Verodnungsinformation zu Cannabis herausgegeben.

(Quelle: Newsletter der KVNO)

PDF-Dokument, 240KB

Apotheker geben Tipps zum Thema Cannabis

Apotheker geben Tipps zum Thema Cannabis

Ärzte Zeitung online, 07.03.2017

Patienteninformation

Wenn demnächst medizinisches Cannabis von Ärzten verordnet werden kann, müssen auch die Apotheken entsprechend auf die Abgabe vorbereitet sein. „Dazu wurden mehrere Arbeitsanweisungen vorbereitet“, verweist Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer.

BERLIN. Cannabis kann in verschiedenen Formen verordnet werden, zum Beispiel als Blüten. Diese seien allerdings in unverarbeitetem Zustand ungleichmäßig und nicht korrekt zu dosieren, heißt es in einer Mitteilung der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. Apotheken könnten die unzerteilten Blüten unter definierten Bedingungen auch mahlen und sie als Rezepturarzneimittel an die Patienten abgeben. Der Patient misst dann die pulverisierten Blüten mit einem kleinen Dosierlöffel, den er von der Apotheke bekommt, genau ab.

Für kleine Einzelgaben und den individuellen Bedarf könne das Pulver auch in Papierkapseln abgefüllt werden „Das Abmessen von Cannabisblüten ‚nach Gefühl‘ ist für eine medizinische Anwendung nicht zu verantworten, denn das führt zwangsläufig zu Über- oder Unterdosierungen“, sagt Kiefer. „Ein ‚Probieren geht über Studieren‘ hat in der rationalen Arzneimitteltherapie mit Cannabis keinen Platz.“ Deshalb seien auch Anleitungen für die Anwendung entwickelt worden, die für Patienten leicht umzusetzen seien und zu einheitlichen und wiederholbaren Ergebnissen führten.

Grundsätzlich kann Cannabis von Patienten inhaliert oder nach einer wässrigen Abkochung („Tee“) getrunken werden. Für die Inhalation gibt es elektrische Verdampfer, die die Cannabisblüten unter definierten Bedingungen erhitzen. Der Patient kann dann den Dampf nach und nach vollständig inhalieren.

Kiefer betont jedoch in dem Schreiben der ABDA, das sich auch an Patienten richtet: „Das Rauchen von Cannabis zusammen mit Tabak als ‚Joint‘, die Teezubereitung mit fetthaltigen Flüssigkeiten, wie Sahne, oder das Einbacken in Kekse sind für medizinische Zwecke völlig ungeeignet, da die Dosis nicht reproduzierbar wäre.“ Und ergänzt: Besser als mit Cannabisblüten könne dem individuellen Bedarf des Patienten mit dem Cannabis-Hauptwirkstoff Dronabinol (THC) geholfen werden. (run)

Quelle: Aerztezeitung.de

Neue Niederlassungsidee: Ärzte für ‚Cannabispraxen‘ gesucht

Neue Niederlassungsidee: Ärzte für ‚Cannabispraxen‘ gesucht

Ärzte Zeitung online, 08.03.2017

Neue Niederlassungsidee

In Bayern soll Deutschlands erstes Zentrum für Cannabis-Beratung und -Therapie entstehen. Dafür sucht ein Unternehmer noch Investoren. Denkbar ist die Realisierung als Vertragsarztpraxis. Ärzte für das Projekt müssen noch gefunden werden.

Von Christina Bauer

Ein Unternehmer hat mit Medizinalhanf große Versorgungspläne in Deutschland. © Africa Studio/fotolia.com

MÜNCHEN. Medizinalhanf, der Stoff, aus dem Träume sind – zumindest für Wenzel Cerveny. Denn: In Kürze werden Ärzte schwer kranken Schmerzpatienten Cannabis auf Kassenrezept verordnen dürfen. Aufwändige Ausnahmegenehmigungen durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) entfallen dann. Cerveny hat dazu aktiv beigetragen – und zwar über den Cannabisverband Bayern. Nun möchte er in München das erste Cannabis-Zentrum Deutschlands einrichten (wir berichteten kurz). Es soll Betroffenen und Ärzten Information und Beratung bieten, außerdem konkrete Therapie. Dazu soll vor Ort eine Allgemeinarztpraxis integriert werden.

Crowdfunding-Kampagne gestartet

Anfang 2016 gründete Cerveny die DCI Cannabis Institut GmbH. Sie gehört zu 67 Prozent ihm und seiner Familie, 33 Prozent gehören einem Investor. Seit Anfang März läuft über die Plattform Transvendo eine Crowdfunding-Kampagne für das Zentrum. Bisher sind 18.650 Euro der angestrebten Million Euro zugesagt. Sobald die 100.000 Euro-Marke erreicht ist, soll es losgehen. Der räumliche Favorit ist für Cerveny derzeit Unterhaching.

Die einstigen NATO-Bürogebäude dort wurden saniert und sollen nun verschiedenen Angeboten Raum geben. Der nächste Schritt: Genehmigungen. Arztpraxis und Bio-Laden dürften einfach sein, so Cerveny. Dafür braucht es nur eine Nutzungsänderung und kleinere räumliche Anpassungen. Etwas aufwändiger sei es mit den Auflagen für die Gaststätte, die dazukommen soll.

In der Praxis sollen ein bis zwei Ärzte Patienten behandeln. Es könnte eine Vertragsarztpraxis werden, wenn es mit dem KV-Sitz klappt. Mit möglichen Ärzten ist Cerveny derzeit im Gespräch. Sie sollen via Zusatzsprechstunden fachärztliche Verstärkung erhalten. „Wir versuchen, für jeden Tag einen anderen Spezialisten dazuzuholen“, so Cerveny. Darunter seien etwa Internisten, Chirurgen und Gynäkologen. Das soll der Vielfalt der Beschwerden entsprechen, bei denen Cannabis helfen kann.

Der Medizinalhanf ist vor allem interessant für Schmerzpatienten und chronisch kranke Schmerzpatienten, etwa mit Krebs oder Rheuma, oder für MS-Patienten. Bei einigen wirken andere Medikamente nicht oder verursachen schwere Nebenwirkungen. Ihnen kann ein Arzt nun nach eigenem Ermessen und nach Genehmigung der Krankenkasse Cannabis verordnen, er hat also ein größeres Möglichkeitsspektrum als bisher. Seit 2011 wurden einige Fertigarzneien auf Cannabisbasis für einzelne Indikationen wie Multiple Sklerose und Chemotherapie-Nebenwirkungen zugelassen.

Mit der neuen Regelung soll nun fürs erste, so Cerveny, die Verwendung von verschiedenen Cannabissorten erlaubt sein. Hunderte Sorten Cannabis gibt es. Cerveny zufolge sollten alle verfügbar sein, denn: „Bei jedem wirkt Cannabis anders.“ Es komme nicht etwa nur auf den Wirkstoff THC an, sondern auch auf CBD, viele andere Inhaltsstoffe und deren Zusammenspiel.

Deswegen seien gerade die 1020 Patienten, die vom BfArM bisher eine Ausnahmegenehmigung zur Nutzung hatten, die erfahrensten Spezialisten. „Wir werden gerade am Anfang sehr auf die Hilfe der Patienten angewiesen sein“, sagt Cerveny.

Patientenlounge für E-Hanf-Dampf

Neue Patienten sollen am Zentrum umfassend beraten werden, bei Bedarf dann zum geeigneten Arzt gehen. Rundherum wird ein Kooperations-Netzwerk angestrebt. Vor Ort soll es eine Patientenlounge geben, für Austausch, und zum Dampfen. Vaporizer und E-Zigarette gelten als besonders wirksam und verträglich, so Cerveny. Verdampft wird ein E-Liquid, hergestellt aus getrockneten Cannabisblüten. Die sollen nun in absehbarer Zeit auch in Deutschland wachsen.

Quelle: Aerztezeitung.de

Cannabis künftig auf Rezept

Cannabis künftig auf Rezept

06.02.2017 Verordnungsinfos

Cannabis können gesetzlich Versicherte künftig bei bestimmten Indikationen auf Rezept erhalten. Der Bundestag hat am 19. Januar 2017 die entsprechenden Gesetzesänderungen verabschiedet. Das Gesetz tritt voraussichtlich im März 2017 in Kraft.

Cannabis zu medizinischen Zwecken aus staatlich kontrolliertem Anbau wird künftig zusätzlich als verkehrs- und verschreibungsfähig im Betäubungsmittelgesetz eingestuft. Bisher galt dies nur für Cannabis, der in Zubereitungen als Fertigarzneimittel zugelassen war.

Eine Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll den Einkauf ausländischer Produkte sowie den Anbau inländischen Cannabis organisieren und überwachen. Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken können Apotheken ausschließlich nach ärztlicher Verordnung abgeben. Die Höchstmenge je 30 Tage beträgt 100 g getrocknete Blüten. Krankenkassen müssen die Kosten im Regelfall erstatten.

Die gesetzliche Neuregelung schafft für Versicherte in eng begrenzten Ausnahmefällen einen Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten. Das gilt aber nur für solchen Cannabis in Form von getrockneten Blüten, der die betäubungsmittelrechtlichen sowie arzneimittel- und apothekenrechtlichen Anforderungen erfüllt und ärztlich verordnet wurde. Auch in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel (zum Beispiel Sativex) fallen unter diese Regelung. In denselben begrenzten Ausnahmefällen sollen Versicherte zudem einen Anspruch auf Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon (Canemes) erhalten.

Eine Verordnung von Medizinalhanf und den oben genannten Fertigarzneimitteln ist künftig möglich für Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung (zum Beispiel starken chronischen Schmerzen), wenn

  • eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann,
  • eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.

Die ersten Verordnungen muss die Krankenkasse vor Therapiebeginn genehmigen; die Kasse darf sie nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung Palliativversorgung (SAPV) muss über den Antrag innerhalb von drei Tagen entschieden werden. Der behandelnde Arzt übermittelt Daten im Rahmen einer nichtinterventionellen Begleiterhebung in anonymisierter Form an das BfArM, das nach fünf Jahren für den Gemeinsamen Bundesausschuss einen Bericht erstellt. Der Umfang der Daten wird durch Rechtsverordnung festgelegt. Wer für die Vergütung der Ärzte aufkommen soll, ist noch offen. Die KBV fordert eine eindeutige Regelung, ob die gesetzliche Krankenversicherung oder gegebenenfalls der Bund als Projektträger der Begleiterhebung für die Vergütung der Ärzte verantwortlich ist.

Welche Möglichkeiten gibt es bisher, Cannabis zu verordnen?

Cannabis-Zubereitungen können als Fertigarzneimittel in der zugelassenen Indikation zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Sativex-Spray (Cannabisextrakt) ist zugelassen zur Zusatzbehandlung von Spastiken bei MS-Patienten, Canemes (Nabilon) ist zugelassen für die Behandlung von chemotherapiebedingter Emesis und Nausea bei jenen Krebs-Patienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen.

Ferner ist es möglich, Dronabinol als Rezeptur zu verordnen. Dronabinol ist als Marinol in den USA zugelassen zur Behandlung von Anorexie und Kachexie bei AIDS und als Antiemetikum im Rahmen einer Krebstherapie. Da es in Deutschland keine Zulassung für das Arzneimittel gibt, muss die Behandlung mit der „off-label“-Rezeptur im Vorfeld durch die Krankenkasse genehmigt werden.

In Einzelfällen konnten Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Medizinal-Cannabis zum Zweck der ärztlich begleiteten Selbsttherapie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Derzeit haben 647 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis. Nach Auskunft des BfArM verlieren die Ausnahmegenehmigungen innerhalb von drei Monaten nach Inkraft-Treten des Änderungsgesetzes ihre Gültigkeit. Derzeit wird von der Beantragung einer neuen Ausnahmegenehmigung abgeraten, weil die Genehmigung länger dauert, als die Umsetzung des Gesetzesentwurfs.

Dr. Holger Neye

Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein

Cannabis: Kontroverses Highlmittel

DocCheck News

Cannabis: Kontroverses Highlmittelimage

5. April 2016 
Psychose, Alkohol- und Drogensucht – zwei neue Studien liefern Hinweise, dass der Konsum von Cannabis schwerwiegende Folgen haben kann. In Deutschland wird indes weiter über eine Gesetzesänderung gestritten, welche die therapeutische Anwendung erleichtern soll.

Eine gefürchtete Folge des Gebrauchs von Cannabis ist die Psychose. Etwa ein Prozent aller Cannabis-Konsumenten entwickelt eine solche psychische Störung. Die Auswirkungen für die Betroffenen können gravierend und dauerhaft sein. Britische Forscher um Prof. Celia Morgan und Prof. Val Curran haben nun eine Genvariante identifiziert, mit deren Hilfe sich vorhersagen lassen könnte, wie anfällig ein Cannabis-Konsument für eine Psychose ist. Dazu ließen sie 442 junge, gesunde Probanden zu Hause einen Joint rauchen. Ihre Erfahrungen dabei wurden mit Hilfe des „Psychotomimetic States Inventory“ festgehalten. In diesem Fragenbogen wird nach Symptomen wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und kognitiven Störungen gefragt, die für Psychosen wie die Schizophrenie typisch sind. Sieben Tage später folgte eine erneute Evaluation der Probanden in drogenfreiem Zustand, der durch eine Haaranalyse kontrolliert wurde. Alle Studienteilnehmer, die erfolgreich das Prozedere durchlaufen hatten, wurden einer Genotypisierung unterzogen.

Die Forscher stellten fest, dass bei Personen mit einer bestimmten Variante des AKT1-Gens die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten akuter psychotomimetischer Symptome während der Intoxikation signifikant erhöht war. „Dies ist die bisher größte Studie, welche die akute Reaktion auf Cannabis untersucht hat“, erklärt Studienleiter Curran. „Unser Ergebnis, dass sich das Auftreten psychotomimetischer Symptome bei „bekifften“ jungen Menschen durch die AKT1-Genvariante vorhersagen lässt, ist ein aufregender Durchbruch, denn diese akute Reaktion gilt als Marker für das Risiko einer Person, infolge des Cannabiskonsums eine Psychose zu entwickeln.“ Auch Morgan unterstützt diese Ansicht: „Sich wiederholt in einen psychotischen oder paranoiden Zustand zu versetzen, könnte einer der Gründe dafür sein, warum diese Personen in der Folge eine Psychose entwickeln, zu der es ohne den Drogenkonsum nicht gekommen wäre.“ Ihrer Meinung nach lässt sich die Identifikation einer Risiko-Genvariante nicht nur dazu nutzen, solche Nutzer zu identifizieren, die ein hohes Risiko für negative Auswirkungen des Cannabis-Konsums haben, sondern die Ergebnisse könnten auch dazu beitragen, eine zielgerichtete Therapie für die Cannabis-Psychose zu entwickeln.

Alkohol, Nikotin und andere Drogen
Ein häufiges Argument gegen die Legalisierung von Cannabis ist, dass der Joint als Einstiegsdroge für den Konsum härterer Drogen dient. Eine neue US-amerikanische prospektive Studie [Paywall] hat nun tatsächlich eine Assoziation zwischen dem Konsum von Cannabis und dem Auftreten von Substanzgebrauch-assoziierten Erkrankungen festgestellt. Dazu befragte die Gruppe um Prof. Mark Olfson vom Columbia University Medical Center in New York im Rahmen des „National Epidemiologic Survey on Alcohol and Related Conditions“ im Abstand von 3 Jahren eine repräsentative Auswahl an 34.653 Erwachsenen. Dabei stellten die Forscher fest, dass der Konsum von Cannabis mit einem ca. 6-fach erhöhten Risiko einherging, in der Folge an einer Substanzgebrauch-assoziierten Erkrankung zu leiden. Hierzu zählten auch ein erhöhtes Risiko für Alkoholmissbrauch und -sucht (Odds-Ratio, OR 2,7; 95 % Konfidenzintervall, KI 1,9-3,8) sowie Nikotinabhängigkeit (OR 1,7; 95 % KI 1,2-2,4). Je häufiger Cannabis konsumiert wurde, desto höher war auch das Risiko: „Diejenigen, die einmal pro Monat oder häufiger Marihuana konsumiert hatten, wiesen bei der erneuten Befragung mit 70,5 % die höchste Rate für Substanzgebrauch-assoziierte Erkrankungen auf“, führt Olfson aus.

Auch wenn die Studie keine Aussage zur Kausalität machen kann, warnt Olfson vor den möglichen Folgen der zunehmenden Cannabis-Popularität. „Diese neue Erkenntnis legt die Möglichkeit nah, dass der jüngste Anstieg in der Verwendung von Marihuana zum zeitgleichen Anstieg schwerwiegender Folgen, die durch Betäubungsmittel und andere Drogen bedingt sind, beitragen könnte“, so Olfson. „In der laufenden nationalen Debatte darüber, ob Marihuana für den Freizeitgebrauch legalisiert werden soll, sollten die Öffentlichkeit und die Gesetzgeber berücksichtigen, dass Marihuana-Gebrauch potenziell das Risiko für die Entwicklung von Alkoholmissbrauch und anderen schwerwiegenden Drogenproblemen erhöhen könnte.“

Deutschland: Streit um das Gras auf Rezept
Auch in Deutschland schlägt die Cannabis-Debatte derzeit hohe Wellen, allerdings geht es dabei um einen anderen Aspekt: Durch das „Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“, das derzeit als Referentenentwurf vorliegt, soll die Versorgung chronisch kranker Patienten mit cannabinoidhaltigen Arzneimitteln verbessert werden. Bundesärztekammer (BÄK) und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) begrüßten in einer gemeinsamen Stellungnahme den Entwurf zwar grundsätzlich, kritisierten aber scharf die geplante Kostenübernahme auch für getrocknete Cannabis-Blüten und Extrakte. Nach Ansicht von BÄK und AkdÄ gebe es für den Einsatz von Medizinal-Cannabisblüten keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass der Gebrauch von Medizinalhanf keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten von Cannabis erlaube. Der Gebrauch als Joint sei zudem mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden, daher fordern BÄK und AkdÄ eine Beschränkung der Kostenübernahme auf standardisierte und in kontrollierter Dosis einsetzbare Cannabis-Arzneien.

In dieselbe Kerbe schlägt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Auch sie hält den Einsatz von Rezepturen für bedenklich, da bei diesen keine Überprüfung der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erfolge. Es stelle sich die Frage, warum – im Vergleich zu anderen Wirkstoffen und Leistungen – für Cannabis eine Sonderstellung getroffen werden solle, die hinsichtlich der zu erfüllenden Anforderungen niedriger liege, und ob dies gerechtfertigt sei.

Cannabis erst nach einem Jahr erfolgloser Therapie
Und noch ein weiterer Punkt erregt den Unmut von BÄK und AkdÄ: Der Entwurf sieht nämlich vor, dass cannabinoidhaltige Arzneimittel nur dann zu Lasten der GKV verordnet werden dürfen, wenn der Versicherte unter einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung leidet, welche die Voraussetzungen der Chroniker-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) erfüllt. Dies bedeute aber in der Praxis, dass ein erkrankter Patient zunächst ein Jahr lang mit anderen verfügbaren Arzneimitteln behandelt werden müsste, bevor eine Therapie mit Cannabis-Arzneien erstattungsfähig ist. BÄK und AkdÄ halten diese Notwendigkeit für ethisch äußerst fragwürdig, da Patienten, welche die Kosten einer Cannabis-Therapie nicht selbst tragen könnten, so ein Jahr lang mit möglicherweise weniger geeigneten Medikamenten therapiert werden müssten.

Eine weitere von BÄK und AkdÄ kritisierte Voraussetzung für die Kostenübernahme ist die verpflichtende Teilnahme an einer Begleitforschung. Diese Regelung stelle faktisch einen Zwang dar und stehe somit im Widerspruch zum Leistungsrecht nach SGB V, wonach Leistungen in der GKV in aller Regel bedingungslos zur Verfügung gestellt werden. Außerdem stelle sich die Frage, inwiefern noch von einer zur Teilnahme an der Begleitforschung notwendigen Freiwilligkeit ausgegangen werden könne, wenn sich ein Versicherter faktisch unter Zwang zu einer solchen Teilnahme verpflichte.

(Quelle: news.doccheck.com)