So klappt es mit der Cannabis-Verordnung

Ärzte Zeitung online, 03.12.2018

Medizinalhanf

Ein Drittel aller Anträge auf eine Cannabistherapie wird von den Kassen abgelehnt. Häufigste Begründung: Es gebe Therapiealternativen.

MANNHEIM. Seit März 2017 haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Versorgung mit Cannabis. Allerdings bedarf die Cannabis-Therapie der Genehmigung durch die Kasse. „Im Gesetz werden keine Indikationen genannt, es wird allgemein von schwerwiegenden Erkrankungen gesprochen“, erinnerte Isabel Kuhlen, Juristin und Apothekerin aus Vellmar, bei einer von Bionorica unterstützten Veranstaltung zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) in Mannheim.

Schwerwiegend sei eine Erkrankung, wenn sie lebensbedrohlich ist oder die Lebensqualität auf Dauer stark einschränkt, so Kuhlen. Hierzu zählten etwa MS oder Aids, für die schon früher Off-Label-Therapien mit Cannabis möglich waren. Ebenfalls unter schwerwiegende Erkrankungen fielen ein Kachexie-Syndrom bei fortgeschrittenem Tumorleiden, schwer kontrollierbare, besonders viszerale Schmerzen sowie chronischer Wundschmerz bei Dekubitus und chronifizierte schwerste Schmerzen mit Aufhebung der Schlafarchitektur oder auch Vorderfußamputation wegen diabetischen Fußsyndroms.

Wichtigstes gesetzliches Genehmigungs-Kriterium sei allerdings, dass eine allgemein anerkannte Therapie nicht zur Verfügung steht oder nach Einschätzung des Arztes nicht angewandt werden kann. Kuhlen: „Ein Drittel aller Anträge auf Cannabis-Therapie wird von den Kassen abgelehnt, zwei Drittel davon mit der Begründung, es gebe Therapiealternativen“. In einem Antrag müsse daher immer stehen, dass es keine sinnvollen Alternativen gebe. Es sei wichtig, detailliert zu begründen, warum bestimmte Standardtherapien im konkreten Fall nicht infrage kommen. Kuhlen warnte aber auch davor, falsche Begründungen zu nennen.

„Wer angibt, dass Vortherapien nicht ausreichend wirksam waren, muss diese Therapien auch verordnet haben.“ Die Kasse könne das nachprüfen. Ähnliches gelte, würde man unerwünschte Arzneimittelwirkungen früherer medikamentöser Therapieversuche anführen. „Diese UAW müssen Sie dann auch gemeldet haben.“ Hinreichend begründen lasse sich die Cannabis-Verordnung auch mit der Aussicht auf eine spürbar positive Wirkung auf Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome.

Verordner sollten damit rechnen, dass Kassen die Evidenz der Cannabis-Therapie hinterfragen. Sie forderten zumindest auf die Versorgungssituation des Patienten übertragbare Ergebnisse aus Assoziationsbeobachtungen, Einzelfallberichten, pathophysiologischen Überlegungen oder von Meinungen anerkannter Experten. Ein Kostenübernahmeantrag sei nur bei erstmaliger Verordnung erforderlich, betonte Kuhlen, eine Befristung der Genehmigung unzulässig. Allerdings müsse der Arzt bei jedem Besuch des Patienten erneut darüber befinden, ob eine weitere Verordnung medizinisch indiziert sei. „Das gilt aber ja bei jeder Therapie“. Käme die Kasse damit, rät die Anwältin: „Lassen sie sich nicht von Selbstverständlichkeiten ablenken.“

Hinsichtlich der Kosten nannte Kuhlen Zahlen der Barmer. Danach kosten Fertigarzneimittel und Rezepturen wie Dronabinol oder Nabilon im Mittel 350 bis 700 Euro je Patient und Monat, Blüten rund 1700 Euro. Die Antragstellung müsse im Übrigen durch den Patienten erfolgen. Dieser kann den Vorgang an den Arzt delegieren. „Dann benötigen sie aber auch eine Vollmacht des Patienten“, so Kuhlen. (hub)

Expertenkonsens „Medizinischer Einsatz von Cannabinoiden“: www.cannabinoid-colleg.de

 

Quelle: aerztezeitung.de

Sozialrecht: Anspruch auf Cannabis hängt auch vom Gerichtsort ab

Ärzte Zeitung online, 29.11.2017

Sozialrecht

Anspruch auf Cannabis hängt auch vom Gerichtsort ab

Das Landessozialgericht Darmstadt setzt hohe Hürden für die Cannabis-Verordnung. Andere Gerichte sind liberaler.

DARMSTADT. Für die seit März 2017 bestehende Möglichkeit, Cannabis zu GKV-Lasten zu verordnen, gibt es hohe Hürden. Laut einem Eilbeschluss des Hessischen Landessozialgerichts begründen insbesondere allein starke Schmerzen noch keinen Anspruch. Nach einem weiteren Beschluss gilt gleiches bei Fibromyalgie. Dagegen hatte ein Mann mit chronischen Bauchschmerzen Erfolg.

Das Sozialgesetzbuch V bindet die Cannabis-Verordnung an die Voraussetzung, dass sie zumindest Linderung für eine „schwerwiegende Erkrankung“ verspricht. Zudem darf es keine schulmedizinische Alternative geben, oder diese darf dem Patienten nach ärztlicher Einschätzung nicht zuzumuten sein, etwa wegen starker Nebenwirkungen. Nach Ansicht des LSG Darmstadt reicht danach ein reines Schmerzsyndrom für eine Cannabis-Verordnung nicht aus. Vielmehr müsse den Schmerzen ein „schwerwiegendes Krankheitsbild“ zugrunde liegen, das „mittels ärztlicher Befundberichte“ belegt ist. In einem anderen Fall verweigerte das Gericht auch einem Patienten mit Fibromyalgie die Cannabis-Verordnung. Nach bisheriger Studienlage wirke Cannabis hier nicht lindernd. In beiden Fällen rügten die Richter zudem, die Ärzte hätten schulmedizinische Alternativen nicht ausreichend geprüft.

In einem dritten Fall litt ein Mann unter starken chronischen Bauchschmerzen, die sein Leben schwer einschränkten. Grund waren wiederholte Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und eine Pankreatikojejunostomie. Selbst Morphium konnte die Schmerzen nur leicht mindern. Der Arzt verordnete ein Cannabis-Mundspray. Dieses bringe zumindest die Aussicht auf Linderung, eine schulmedizinische Alternative gebe es nicht, befand das LSG. Daher müsse die Kasse das verordnete Cannabis-Mundspray bezahlen.

Großzügiger zeigte sich kürzlich das LSG Rheinland-Pfalz. Hier litt ein Kläger unter einer Psoriasis-Arthropathie. Ähnlich wie in den beiden oben berichteten Fällen aus Darmstadt meinte auch hier die Kasse, der Arzt habe Behandlungsalternativen nicht begründet ausgeschlossen. Das LSG Mainz sprach dem Patienten dennoch das zur Schmerzlinderung verordnete Cannabis zu. Der Arzt habe diese Therapie befürwortet, die Kasse dürfe sie daher nur in Ausnahmefällen ablehnen. (mwo)

LSG Darmstadt: L 8 KR 255/17 B ER (Schmerzsyndrom), L 8 KR 366/17 B ER (Fibromyalgie) und L 8 KR 288/17 B ER (Bauchschmerzen). LSG Mainz: L 5 KR 140/17 B ER (Psoriasis-Arthropathie)

 

Quelle: aerztezeitung.de

Neuer Ansatz für die Schmerztherapie

Schmerzen
Ärzte Zeitung online, 06.07.2017

Neuer Ansatz für die Schmerztherapie

BERLIN. Eine spezielle Morphin-Formulierung – Polyglycerol-Morphin – könnte weniger Nebenwirkungen verursachen, als eine Schmerztherapie mit herkömmlichen Opioiden. Das berichtet die Freie Universität Berlin unter Bezug auf eine aktuelle Publikation (Elife. 2017; online 4. Juli).

Die Forscher koppelten konventionelles Morphin an Trägermoleküle, die nur im entzündeten Zielgewebe gelöst werden. Dadurch ließen sich Nebenwirkungen im gesunden Gewebe verhindern, so die Wissenschaftler. Zu solchen Nebenwirkungen zählen ja unter anderem Benommenheit, Übelkeit und Obstipation bis hin zum Atemstillstand.

Das neue Molekül erprobten die Forscher bisher im Tiermodell und in Zellkulturen. (eb)

 

 

Quelle: aerztezeitung.de

 

Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Versorgung

Ärzte Zeitung online, 17.05.2017

Schmerzmedizin

Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Versorgung

Der Facharzt für Schmerzmedizin wird in absehbarer Zeit nicht kommen. Davon geht die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin aus. Damit die Versorgung trotzdem besser wird, haben die Experten jetzt ein neues Konzept entwickelt.

Von Christoph Fuhr

Experten haben ein neues Konzept zur Versorgung von Schmerzpatienten entwickelt.
©c9 Doc RaBe – Fotolia

Seit Jahren trommelt sie vergeblich für die Einführung des Facharztes für Schmerzmedizin, jetzt zieht die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) Konsequenzen. Von diesem Facharzt will die DGS auch in Zukunft nicht abrücken, sie nimmt aber zur Kenntnis, dass er zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehrheitsfähig ist. „Fachgebiets-Partikularinteressen“ hätten ihn bisher verhindert, bedauert DGS-Präsident Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe und geht in die Offensive. Die DGS hat ein völlig neues Versorgungskonzept entwickelt, das sie jetzt erstmals öffentlich vorstellt. Die „Spezialisierte Ambulante Schmerzmedizinische Versorgung“ (SASV) soll neue Perspektiven für bessere ambulante Versorgungsstrukturen von Patienten mit chronischen Schmerzen bieten.

„Echter Paradigmenwechsel“

„Es handelt sich um einen echten Paradigmenwechsel“, sagt Müller-Schwefe. Das Konzept baut auf die Einrichtung von Netzwerken. Hausärzte, Fachärzte, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und algesiologische Fachassistenten sollen gemeinsam die von einem Netzmanager koordinierte Behandlung sicherstellen – und das auf Augenhöhe, wie der DGS-Präsident erläutert.

In einem Zehn-Punkte-Plan beschreibt die DGS, wie die SASV funktionieren soll:

  • Das Netz muss flächendeckend, wohnortnah und ambulant zur Verfügung stehen.
  • Ein Kernziel ist die Frühintervention und Prävention der Schmerzchronifizierung.
  • Ein zeitnaher Therapiebeginn und ein effektives Übergabemanagement für Patienten muss sichergestellt werden.
  • Ein „Pain Care Team“ soll den spezialisierten Einzelkämpfer ersetzen. Die Teammitglieder müssen über schmerzmedizinische Kernkompetenzen verfügen. Hausärzte, Schmerzmediziner, Psychologen, Physiotherapeuten und algesiologische Fachassistenten sollten mit im Boot sitzen.
  • Erforderlich ist ein Netzmanagement, das Versorgung koordiniert. Erste Anlaufstelle könnte eine algesiologische Fachassistenz mit erweiterter Qualifikation sein.
  • Über verbindliche Kooperationen sind Vertreter weitere Fachgebiete in das Netz einzubeziehen: zum Beispiel Neurologen, Orthopäden, Chirurgen, Zahnmediziner oder Sozialarbeiter.
  • Für alle im Netz Beteiligten muss eine schmerzmedizinische Basisqualifikation sichergestellt werden.
  • Eine verbindliche gemeinsame Dokumentationsplattform soll Transparenz sicherstellen und Versorgung effizienter machen.
  • Eine adäquate, pauschalierte Vergütung soll Fehlanreize vermeiden. Die Einzelleistungsvergütung hat in diesem Konzept keinen Platz.
  • Für einzelne Patientengruppen müssen Therapieoptionen und Therapieziele definiert werden, um mit Blick auf die notwendigen Ressourcen Honoraranteile der Beteiligten zu berechnen.

Im Zehn-Punkte-Papier analysiert Müller-Schwefe noch einmal die Entwicklung der Schmerzmedizin in den vergangenen 20 Jahren und benennt Defizite.

Zwar sei 1996 die fachgebietsbezogene Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ eingeführt worden, und 2005 sei es zur Übernahme der von der DGS mit einzelnen Krankenkassen zuvor getroffenen Qualitätssicherungsvereinbarungen in den EBM 2005 gekommen. Seitdem gebe aber nicht nur einen Stillstand, sondern eher sogar Rückschritte in der schmerzmedizinischen Versorgung.

Partikularinteressen als Hindernis

Daran ändere auch das „Querschnittsfach Schmerzmedizin“ – seit 2016 obligater Bestandteil des zweiten ärztlichen Prüfungsabschnittes – nur wenig. „Der Lehr- und Prüfungsumfang wird in keiner Weise den Herausforderungen gerecht, denen die zukünftigen Ärzte sich gegenüber sehen werden“, kritisiert Müller-Schwefe und verweist auf eine weitere, aus seiner Sicht fatale Entwicklung: Die von allen schmerzmedizinischen Fachgesellschaften getragene Forderung nach dem Facharzt für Schmerzmedizin als Vertreter eines Querschnittsfachs sei noch 2007 in die Ethik-Charta der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGSS) verankert worden: „2015 wurde sie auf dem Altar der Partikularinteressen der Fachgesellschaften geopfert und ersatzlos gestrichen.“

Die auf einer Bedarfsplanung basierende Sicherstellung der ambulanten Versorgung greife bis heute nicht für die Schmerzmedizin, da diese sich an Fachgebieten orientiere, bedauert Müller-Schwefe. Er weist darauf hin, dass die entsprechende Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses durchaus eine an der fachgebietsbezogenen Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ orientierte Bedarfsplanung ermögliche. „Bis heute ist dies allerdings in keiner einzigen Kassenärztlichen Vereinigung umgesetzt“, kritisiert der DGS-Chef.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin weiß, dass das ehrgeizige SASV-Konzept nur dann eine Perspektive hat, wenn es auch von Politikern und anderen Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen unterstützt wird. Müller-Schwefe zeigt sich optimistisch: „Wir werden alles tun, damit eine bessere Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen nicht scheitert.“

Quelle: aerztezeitung.de

Apotheker geben Tipps zum Thema Cannabis

Apotheker geben Tipps zum Thema Cannabis

Ärzte Zeitung online, 07.03.2017

Patienteninformation

Wenn demnächst medizinisches Cannabis von Ärzten verordnet werden kann, müssen auch die Apotheken entsprechend auf die Abgabe vorbereitet sein. „Dazu wurden mehrere Arbeitsanweisungen vorbereitet“, verweist Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer.

BERLIN. Cannabis kann in verschiedenen Formen verordnet werden, zum Beispiel als Blüten. Diese seien allerdings in unverarbeitetem Zustand ungleichmäßig und nicht korrekt zu dosieren, heißt es in einer Mitteilung der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. Apotheken könnten die unzerteilten Blüten unter definierten Bedingungen auch mahlen und sie als Rezepturarzneimittel an die Patienten abgeben. Der Patient misst dann die pulverisierten Blüten mit einem kleinen Dosierlöffel, den er von der Apotheke bekommt, genau ab.

Für kleine Einzelgaben und den individuellen Bedarf könne das Pulver auch in Papierkapseln abgefüllt werden „Das Abmessen von Cannabisblüten ‚nach Gefühl‘ ist für eine medizinische Anwendung nicht zu verantworten, denn das führt zwangsläufig zu Über- oder Unterdosierungen“, sagt Kiefer. „Ein ‚Probieren geht über Studieren‘ hat in der rationalen Arzneimitteltherapie mit Cannabis keinen Platz.“ Deshalb seien auch Anleitungen für die Anwendung entwickelt worden, die für Patienten leicht umzusetzen seien und zu einheitlichen und wiederholbaren Ergebnissen führten.

Grundsätzlich kann Cannabis von Patienten inhaliert oder nach einer wässrigen Abkochung („Tee“) getrunken werden. Für die Inhalation gibt es elektrische Verdampfer, die die Cannabisblüten unter definierten Bedingungen erhitzen. Der Patient kann dann den Dampf nach und nach vollständig inhalieren.

Kiefer betont jedoch in dem Schreiben der ABDA, das sich auch an Patienten richtet: „Das Rauchen von Cannabis zusammen mit Tabak als ‚Joint‘, die Teezubereitung mit fetthaltigen Flüssigkeiten, wie Sahne, oder das Einbacken in Kekse sind für medizinische Zwecke völlig ungeeignet, da die Dosis nicht reproduzierbar wäre.“ Und ergänzt: Besser als mit Cannabisblüten könne dem individuellen Bedarf des Patienten mit dem Cannabis-Hauptwirkstoff Dronabinol (THC) geholfen werden. (run)

Quelle: Aerztezeitung.de

Neue Niederlassungsidee: Ärzte für ‚Cannabispraxen‘ gesucht

Neue Niederlassungsidee: Ärzte für ‚Cannabispraxen‘ gesucht

Ärzte Zeitung online, 08.03.2017

Neue Niederlassungsidee

In Bayern soll Deutschlands erstes Zentrum für Cannabis-Beratung und -Therapie entstehen. Dafür sucht ein Unternehmer noch Investoren. Denkbar ist die Realisierung als Vertragsarztpraxis. Ärzte für das Projekt müssen noch gefunden werden.

Von Christina Bauer

Ein Unternehmer hat mit Medizinalhanf große Versorgungspläne in Deutschland. © Africa Studio/fotolia.com

MÜNCHEN. Medizinalhanf, der Stoff, aus dem Träume sind – zumindest für Wenzel Cerveny. Denn: In Kürze werden Ärzte schwer kranken Schmerzpatienten Cannabis auf Kassenrezept verordnen dürfen. Aufwändige Ausnahmegenehmigungen durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) entfallen dann. Cerveny hat dazu aktiv beigetragen – und zwar über den Cannabisverband Bayern. Nun möchte er in München das erste Cannabis-Zentrum Deutschlands einrichten (wir berichteten kurz). Es soll Betroffenen und Ärzten Information und Beratung bieten, außerdem konkrete Therapie. Dazu soll vor Ort eine Allgemeinarztpraxis integriert werden.

Crowdfunding-Kampagne gestartet

Anfang 2016 gründete Cerveny die DCI Cannabis Institut GmbH. Sie gehört zu 67 Prozent ihm und seiner Familie, 33 Prozent gehören einem Investor. Seit Anfang März läuft über die Plattform Transvendo eine Crowdfunding-Kampagne für das Zentrum. Bisher sind 18.650 Euro der angestrebten Million Euro zugesagt. Sobald die 100.000 Euro-Marke erreicht ist, soll es losgehen. Der räumliche Favorit ist für Cerveny derzeit Unterhaching.

Die einstigen NATO-Bürogebäude dort wurden saniert und sollen nun verschiedenen Angeboten Raum geben. Der nächste Schritt: Genehmigungen. Arztpraxis und Bio-Laden dürften einfach sein, so Cerveny. Dafür braucht es nur eine Nutzungsänderung und kleinere räumliche Anpassungen. Etwas aufwändiger sei es mit den Auflagen für die Gaststätte, die dazukommen soll.

In der Praxis sollen ein bis zwei Ärzte Patienten behandeln. Es könnte eine Vertragsarztpraxis werden, wenn es mit dem KV-Sitz klappt. Mit möglichen Ärzten ist Cerveny derzeit im Gespräch. Sie sollen via Zusatzsprechstunden fachärztliche Verstärkung erhalten. „Wir versuchen, für jeden Tag einen anderen Spezialisten dazuzuholen“, so Cerveny. Darunter seien etwa Internisten, Chirurgen und Gynäkologen. Das soll der Vielfalt der Beschwerden entsprechen, bei denen Cannabis helfen kann.

Der Medizinalhanf ist vor allem interessant für Schmerzpatienten und chronisch kranke Schmerzpatienten, etwa mit Krebs oder Rheuma, oder für MS-Patienten. Bei einigen wirken andere Medikamente nicht oder verursachen schwere Nebenwirkungen. Ihnen kann ein Arzt nun nach eigenem Ermessen und nach Genehmigung der Krankenkasse Cannabis verordnen, er hat also ein größeres Möglichkeitsspektrum als bisher. Seit 2011 wurden einige Fertigarzneien auf Cannabisbasis für einzelne Indikationen wie Multiple Sklerose und Chemotherapie-Nebenwirkungen zugelassen.

Mit der neuen Regelung soll nun fürs erste, so Cerveny, die Verwendung von verschiedenen Cannabissorten erlaubt sein. Hunderte Sorten Cannabis gibt es. Cerveny zufolge sollten alle verfügbar sein, denn: „Bei jedem wirkt Cannabis anders.“ Es komme nicht etwa nur auf den Wirkstoff THC an, sondern auch auf CBD, viele andere Inhaltsstoffe und deren Zusammenspiel.

Deswegen seien gerade die 1020 Patienten, die vom BfArM bisher eine Ausnahmegenehmigung zur Nutzung hatten, die erfahrensten Spezialisten. „Wir werden gerade am Anfang sehr auf die Hilfe der Patienten angewiesen sein“, sagt Cerveny.

Patientenlounge für E-Hanf-Dampf

Neue Patienten sollen am Zentrum umfassend beraten werden, bei Bedarf dann zum geeigneten Arzt gehen. Rundherum wird ein Kooperations-Netzwerk angestrebt. Vor Ort soll es eine Patientenlounge geben, für Austausch, und zum Dampfen. Vaporizer und E-Zigarette gelten als besonders wirksam und verträglich, so Cerveny. Verdampft wird ein E-Liquid, hergestellt aus getrockneten Cannabisblüten. Die sollen nun in absehbarer Zeit auch in Deutschland wachsen.

Quelle: Aerztezeitung.de

Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch

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03.07.2015

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister. © Richard Villalon / Fotolia

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister.
© Richard Villalon / Fotolia

Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch

NEU-ISENBURG. Wird Cannabis in Deutschland legalisiert? Seit die Grünen vor einigen Monaten ihren Entwurf für ein Cannabiskontrollgesetz in den Bundestag eingebracht haben, der den Handel und Besitz der Droge ermöglichen soll, ist unter Befürwortern und Gegnern der Legalisierung eine hitzige Debatte entbrannt.

Unterdessen wollen einige Bezirke und Stadtstaaten Fakten schaffen: In Bremen, Hamburg und Berlin gibt es Initiativen mit dem Ziel, Marihuana künftig in Apotheken oder Coffeeshops legal zu erwerben.

In Deutschland sind Anbau, Herstellung, Handel, Einfuhr, Ausfuhr, Abgabe und Veräußerung von Cannabis grundsätzlich strafbar. Ausnahmen sieht das Betäubungsmittelgesetz nur für die medizinische Verwendung von Cannabis und die Verarbeitung von Faserhanf-Sorten mit stark reduziertem THC-Gehalt vor.

Dagegen ist der Konsum von Drogen in Deutschland nicht verboten, da er rechtlich als straffreie Selbstschädigung gilt.

Langer Widerstand gegen Verbot

Gegen das Verbot von Cannabis regt sich seit Jahren Widerstand. Strafrechtler wie der Bremer Jurist Lorenz Böllinger halten die derzeitige Gesetzeslage gar für verfassungswidrig. „Das Grundrecht auf Handlungsfreiheit sieht vor, dass wir uns selbst schädigen dürfen“, argumentiert Böllinger.

„Es gibt daher ein Recht auf den Rausch, und dieses Recht darf vom Staat nicht unterlaufen werden.“ Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes vertritt die Auffassung, dass sich mit der Legalisierung von Cannabis der Schwarzmarkt austrocknen lasse und damit der organisierten Kriminalität die Grundlage entzogen würde.

„Die Prohibitionspolitik im Bereich von Cannabis ist vollständig gescheitert“, konstatieren die Grünen in ihrem „Entwurf eines Cannabiskontrollgesetzes“ und begründen ihre Einschätzung unter anderem damit, dass Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge sei.

„In Deutschland gebrauchen nach Schätzungen allein 2,3 Millionen volljährige Bürgerinnen und Bürger Cannabis. 22,2 Prozent der 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Schüler haben Cannabis konsumiert.“

Der illegale Handel mit Marihuana könne nicht effektiv kontrolliert werden, mit der Folge, dass auch verunreinigte Cannabis-Produkte sowie solche mit synthetisch erhöhtem Wirkstoffgehalt vertrieben würden. Nach den Grünen hat sich auch die FDP für eine Liberalisierung der Drogengesetze ausgesprochen.

Auf ihrem Bundesparteitag Mitte Mai in Berlin stimmten 62 Prozent der Delegierten für eine Legalisierung von Cannabis unter strikten Auflagen. Marihuana sollte künftig als Genussmittel in lizensierten Geschäften verkauft werden können, allerdings nur an volljährige Konsumenten und nach hinreichender Aufklärung.

Die derzeitige Gesetzeslage, so die FDP, kriminalisiere die Nutzer, lasse Abhängige allein und belege sie mit Strafen, „die sie erst recht in der Drogenszene versinken lassen“.

Die Liberalen plädieren dafür, Cannabis wie Zigaretten zu besteuern und die zusätzlichen Einnahmen sowie Einsparungen bei Justiz und Polizei für Maßnahmen zum Jugendschutz und zur Drogenprävention zu nutzen.

Linke will Legalisierung

Neben den Liberalen setzen sich auch die Linken für eine Legalisierung von Cannabis ein. Mit Joachim Pfeiffer, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU im Bundestag, hat sich kürzlich erstmals auch ein Unionspolitiker für die regulierte Freigabe von Cannabis ausgesprochen.

Pfeiffer hat mit seinem Grünen-Kollegen Dieter Janecek dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, in der beide die Ziele des zurzeit geltenden Cannabisverbots für gescheitert erklären und auf die Erfolge anderer Staaten bei der Liberalisierung und Regulierung des Marktes verweisen, die sich nicht zuletzt in sprudelnden Steuereinnahmen zeigten.

Ablehnung erfuhr Pfeiffers Initiative jedoch vor allem in seiner eigenen Partei. „Ein rein wirtschaftspolitischer Zugang greift in dieser Debatte entschieden zu kurz“, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn.

„Mit dem Argument, so könne man den Schwarzmarkt bekämpfen und Steuern einnehmen, könnte man auch die Legalisierung von Heroin begründen.“

Aber Spahn ist gesprächsbereit: „Natürlich kann man darüber reden, ob man den Besitz von geringen Mengen von Cannabis bundesweit einheitlich straffrei stellt, um die Konsumenten nicht zu kriminalisieren. Das ist aber was anderes als eine umfassende Legalisierung.“

Gröhe strikt gegen Freigabe

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnt eine Freigabe von Cannabis strikt ab, weil er dadurch vor allem eine Verharmlosung der gesundheitlichen Folgen des Cannabis-Konsums fürchtet.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler von der CSU, stößt ins gleiche Horn: Wenn Cannabis für Erwachsene legalisiert werde, kämen auch Kinder leichter an diese Droge.

In der SPD hält man sich zum Thema noch weitgehend bedeckt. Karl Lauterbach, Arzt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD, kann sich eine Behandlung von Schmerzpatienten mit Cannabis zwar vorstellen, warnt aber davor, „durch die Hintertür Cannabis zu legalisieren“.

Sein Fraktionskollege Burkhard Blienert hingegen meint, dass eine regulierte Freigabe von Cannabis zumindest den Schwarzmarkt austrocknen könnte. Und die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann forderte den SPD-Vorsitzenden Gabriel jüngst zu einer eigenen Initiative auf: „Cannabis sollte endlich legal sein. Deshalb, lieber Sigmar, mach Dich locker und lass uns das gemeinsam durchziehen.“

In Bremen zumindest hat die SPD mit den Grünen in ihren gemeinsamen Koalitionsverhandlungen vereinbart, beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin (BfArM) einen Modellversuch zu beantragen mit dem Ziel, den Cannabis-Verkauf kontrolliert in Abgabestellen, etwa in Apotheken, zu erlauben.

Das habe den Vorteil, dass die Konsumenten dort auch fachlich beraten werden könnten. Vorbild ist ein Modellversuch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo künftig in vier bis fünf Coffeeshops nach niederländischem Vorbild qualitätsgeprüftes Cannabis an eine begrenzte Anzahl von Konsumenten verkauft werden soll.

Ausufernde Kriminalität eindämmen

Ein entsprechender Antrag ist jüngst beim BfArM eingereicht worden. Dessen Entscheidung könnte Signalwirkung haben. Auch der Hamburger Distrikt Altona-Nord Sternschanze plant einen Modellversuch zur kontrollierten Abgabe. Damit will man die ausufernde Drogenkriminalität eindämmen.

Für schwerkranke Patienten soll Cannabis im Übrigen künftig leichter zugänglich sein, mehr noch: Nach dem Willen der Drogenbeauftragten Marlene Mortler soll der Konsum von Marihuana für chronisch kranke Schmerzpatienten ab dem kommenden Jahr sogar Kassenleistung sein.

Für die Cannabis-Freigabe an Kranke sprachen sich in einer repräsentativen Infratest-Umfrage auch 90 Prozent der Bundesbürger aus, 59 Prozent sind allerdings gegen eine generelle Freigabe der Droge. Eine Ausnahme sind die 18- bis 29-Jährigen, unter denen 55 Prozent für eine Legalisierung von Cannabis plädieren.

Cannabis-Legalisierung: Colorado ist Vorreiter

Mit der Legalisierung von Marihuana hat der US-Bundesstaat Colorado Geschichte geschrieben. Seit 1. Januar 2014 dürfen die Einwohner Colorados erstmals in der Geschichte der USA die Droge in Geschäften legal erwerben. Voraussetzung ist ein Mindestalter von 21 Jahren.

Laut Gesetz ist der Erwerb von einer Unze (etwa 28 Gramm) Marihuana erlaubt. Das gilt allerdings nur für Bürger Colorados, US-Bürger anderer Bundesstaaten müssen sich mit einer Viertel Unze (sieben Gramm) Marihuana zufrieden geben. Der Konsum von Marihuana in der Öffentlichkeit bleibt verboten.

Das Gesetz geht auf eine Volksinitiative („Colorado Amendment 64“) zur Legalisierung und Regelung von Cannabis als Rauschmittel analog zum Alkohol zurück. 55,32 Prozent der Bürger Colorados stimmten dabei 2012 für die Legalisierung der Droge, 44,68 Prozent dagegen. Zuvor war der Erwerb von Marihuana in Colorado – wie in gut 20 weiteren US-Bundesstaaten auch – nur aus medizinischen Gründen möglich.

Grundsätzlich ist Cannabis in den USA seit 1937 gesetzlich verboten, doch immer mehr Bundesstaaten schreiben – meist in Folge von Volksinitiativen – eigene Gesetze. Im US-Bundesstaat Washington etwa ist der Kauf von bis zu einer Unze Cannabis erlaubt, allerdings ist dort der Eigenanbau, anders als in Colorado, verboten. Alaska und Oregon stimmten per Volksentscheid im November 2014 ebenfalls für die Legalisierung des Besitzes und Verkaufs von Cannabis in geringen Mengen. (smi)

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Pete Smith)

Nutzen widerlegt: Strom hilft nicht bei Rückenschmerzen

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25.06.2015

Keine Linderung durch Stromtherapie bei Rückenschmerzen! © Gina Sanders / fotolia.com

Keine Linderung durch Stromtherapie bei Rückenschmerzen!
© Gina Sanders / fotolia.com

Nutzen widerlegt

Strom hilft nicht bei Rückenschmerzen

Einen Versuch war es wert: Forscher haben untersucht, ob die transkranielle Gleichstromtherapie chronischen Rückenschmerz-Patienten Linderung bringt. Mit ernüchternden Ergebnissen.

Von Thomas Müller

HAMBURG. Gegen chronischen Rückenschmerz ist bekanntlich kaum ein Kraut gewachsen, am ehesten scheinen multimodale Konzepte unter Einbeziehung einer kognitiven Verhaltenstherapie etwas zu nützen.

Damit lässt sich dysfunktionales, symptomverstärkendes Denken und Handeln abschwächen, aber die Effekte sind häufig nur minimal, geben Schmerzexperten um Dr. Kerstin Lüdtke und Professor Arne May vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zu bedenken.

Wirksamere Therapien sind also dringend nötig, und es gibt kaum etwas, das nicht versucht wird. Zu den experimentellen Ansätzen zählt auch die transkranielle Gleichstromtherapie (tDCS). Dabei werden Elektroden am Schädel angelegt und die angrenzenden Hirnstrukturen mit einem leichten Gleichstrom gereizt.

Auf diese Weise kann die kortikale Exzitabilität beeinflusst werden. Da das Schmerzempfinden letztlich im Gehirn entsteht, hoffen Forscher, auf diese Weise auch chronische Schmerzen zu lindern.

Kleinere Studien mit tDCS bei chronischem Rückenschmerz hatten zum Teil eine gewisse Wirksamkeit nahegelegt.

Therapie mit intensivem Training

Dem wollte das Team um Lüdtke nun anhand einer großen randomisiert-kontrollierten Studie mit 135 Patienten auf den Grund gehen (BMJ 2015; 350: h1640). Die Teilnehmer hatten alle seit mindestens zwölf Wochen persistierende unspezifische lumbale Schmerzen.

Alle bekamen eine multimodale Therapie mit Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur, Entspannungsübungen und Schmerzbewältigungsstrategien.

Das Training war sehr intensiv: Fünf Stunden pro Tag mussten sich die Patienten mit den Übungen beschäftigen, und das vier Wochen lang.

Vor Beginn des Trainings erhielten sie nun fünf Tage lang täglich eine 20-minütige tDCS-Behandlung mit 2 mA anodalem Strom über dem linken motorischen Kortex oder aber eine Scheinstimulation. Dabei wurde der Strom nach 30 Sekunden abgeschaltet.

Die Ärzte um Lüdtke wollten zum einen schauen, ob die tDCS die Schmerzen direkt lindert, zum anderen, ob die Behandlung in der Lage ist, den Erfolg der anschließenden multimodalen Therapie zu verbessern.

Dies war jedoch nicht der Fall. Nach fünf Tagen tDCS-Therapie war der Schmerz auf einer 100-Punkte-Analogskala im Schnitt von 48 auf 42 Punkte gesunken, mit der Scheinstimulation von ebenfalls 48 auf 41 Punkte.

Nach den vier Wochen multimodaler Therapie lag der Wert in der tDCS-Gruppe bei 26, in der Kontrollgruppe bei 23 Punkten – hier gelang die Schmerzlinderung sogar etwas besser, die Unterschiede waren jedoch nicht signifikant.

Nach einem Jahr lag der Schmerzwert bei 29 Punkten in der tDCS- und bei 22 Punkten in der Kontrollgruppe. Die multimodale Therapie scheint also durchaus wirksam zu sein, die initiale tDCS-Behandlung hatte jedoch zu keinem Zeitpunkt einen Einfluss auf die Schmerzen.

tDCS bei Rückenschmerz ungeeignet

Nicht viel besser war das Ergebnis, wenn sich die Forscher die Auswirkungen der Rückenschmerzen auf die Beweglichkeit, den Schlaf sowie das Sozial- und Sexualleben anhand des Oswestry Disability Index anschauten. Auch hier gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Nach Angaben der Studienautoren ist diese die erste randomisiert-kontrollierte Studie mit einer Patientenzahl, die groß genug ist, die Wirksamkeit der tDCS auf Schmerzintensität und Einschränkungen bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen zu belegen.

Dabei ließ sich nach fünf tDCS-Sitzungen weder allein noch in Kombination mit der folgenden multimodalen Therapie ein signifikanter Effekt nachweisen.

Das Ergebnis spreche dafür, dass die tDCS zur Therapie bei chronischem lumbalem Rückenschmerz ungeeignet sei, schreiben die Ärzte um Lüdtke.

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Thomas Müller)

Cannabis: BÄK begrüßt leichteren Zugang für Schwerkranke

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Ärzte Zeitung online, 04.02.2015

Cannabis

BÄK begrüßt leichteren Zugang für Schwerkranke

Die Bundesärztekammer hat sich für den Vorstoß der Bundesregierung ausgesprochen, den Zugang zu Cannabis-Medikamenten für Schwerkranke zu erleichtern.

BERLIN. Die Bundesärztekammer hat den von der Bundesregierung angekündigten leichteren Zugang zu Cannabis-Produkten für Schwerkranke begrüßt.

Eine Therapie mit cannabionidhaltigen Arzneimitteln könne für bestimmte Patienten sinnvoll sein, sagte der Präsident der BÄK, Frank Ulrich Montgomery, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Dies gelte für Patienten mit neurologischen Krankheiten wie Multipler Sklerose (MS) mit spastischen Schmerzen sowie Kranken, die unter mehreren Symptomen wie Schmerzen, Appetitmangel, Übelkeit und Depressivität leiden.

Cannabis auf Kassenrezept

Schwer kranke Patienten sollen nach dem Willen der Koalition ab 2016 Cannabis auf Rezept erhalten können.

Die Kosten sollen die Kassen übernehmen. Schmerzpatienten, die etwa zu Hause Hanfpflanzen anbauen, können aufgrund der Gesetzeslage derzeit noch ins Visier von Ermittlern geraten. Besitz, Anbau und Handel sind verboten.

Der Ärztepräsident schlug die Berufung einer Expertengruppe vor, die Empfehlungen zur zulassungsüberschreitenden Anwendung von Arzneimitteln auf Basis von Cannabis erstellt.

Montgomery warnte zugleich vor ungeprüften Cannabiszubereitungen. Eine Legalisierung des Besitzes und der Anbau für den medizinischen Eigenbedarf seien nicht sinnvoll. (dpa)

(Quelle: Ärztezeitung online)

Cannabis für Schwerkranke: Koalition will Hürden abbauen

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Ärzte Zeitung online, 03.02.2015

Cannabis für Schwerkranke

Koalition will Hürden abbauen

Cannabis auf Kassen-Kosten: Das soll für Schmerzpatienten schon bald möglich sein. Die Drogenbeauftragte hat sich nun öffentlich für ein entsprechendes Gesetz stark gemacht.

Von Jana Kötter

023a0601

BERLIN. Seit Jahren hält die Debatte um eine Teil-Legalisierung von Cannabis für Schwerkranke bereits an – nun könnte sie bald ein Ende haben.

Denn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, hat in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ angekündigt, den Cannabis-Gebrauch für bestimmte medizinische Indikationen zu erleichtern.

„Mein Ziel ist, dass in Zukunft mehr Menschen als bisher Cannabis als Medizin bekommen können“, sagte die CSU-Politikerin. „Für diese Patienten müssen die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden.“

Noch in diesem Jahr solle das Gesetz durch den Bundestag gebracht werden. Tatsächlich arbeite das Gesundheitsministerium „unter Hochdruck“ an einer Regelung, bestätigte das Büro von Mortler auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) betonte: „Wir wollen, dass schwerkranke Menschen, denen nur durch Medizinalhanf geholfen werden kann, gut versorgt werden. Deshalb werden wir die rechtlichen Bedingungen, unter denen dies erfolgt, zeitnah anpassen.“

Dazu gehöre die Frage der Kostenerstattung durch die Krankenkassen in diesen medizinisch begründeten Fällen, aber auch die Frage, wie Missbrauch wirksam verhindert werden kann.

Im Visier der Ermittler

In anderen Ländern hat sich die Regelung bereits bewährt. Zuletzt hatte beispielsweise Chile im September bekannt gegeben, mit einer staatlich überwachten Hanf-Plantage zukünftig rund 200 Krebs- und Epilepsiepatienten kostenlos mit Marihuana zur Schmerz- und Symptomlinderung zu versorgen.

Hierzulande können chronisch Kranke, die Cannabis zur Schmerzlinderung brauchen, noch ins Visier von Ermittlern geraten. Denn Cannabis-Präparate sind für ausgewählte Schmerzkranke auf Basis einer Ausnahmegenehmigung des BfArM zwar in den Apotheken erhältlich, jedoch teuer.

Weil die Kosten in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen werden, entscheiden sich einige für den Eigenanbau – auch wenn sie damit die Gefahr eines Verfahrens eingehen.

Damit soll laut Mortler nun Schluss sein. Ihre Ankündigung findet in der Politik Anklang: „Wir begrüßen und unterstützen die längst überfälligen Änderungen, die nun in Aussicht gestellt wurden“, teilten Hilde Mattheis, Sprecherin für Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion, und der Bundestagsabgeordnete Burkhard Blienert (SPD) mit.

„Hiermit wird der Weg zu einer sachorientierten und ideologiefreien Debatte ermöglicht.“

Tatsächlich hatte eine repräsentative Umfrage von Infratest im Auftrag des Deutschen Hanfverbands (DHV) im Oktober 2014 gezeigt, dass dies auch die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet: 82 Prozent der 1012 Befragten gaben an, dass der Zugang zur Droge zumindest für Patienten, deren Beschwerden dadurch gelindert werden können, ermöglicht werden sollte.

Am größten war die Akzeptanz bei Grünen-Anhängern: Hier stimmten sogar 97 Prozent der Befragten zu.

Doch Lob für den Vorstoß gibt es auch aus anderen politischen Lagern. „Cannabis auf Rezept und von der Kasse bezahlt ist für bestimmte Patientengruppen sicher sinnvoll“, sagte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.

„Außerdem ist eine klare Regelung besser als wenn sich jetzt jeder im Einzelfall gerichtlich das Recht auf Anbau im eigenen Garten erstreitet.“

Erst im Vorjahr hatte das Verwaltungsgericht Köln drei chronischen Schmerzpatienten erlaubt, in ihren Wohnungen Cannabis anzubauen, da entsprechende Medikamente für sie unerschwinglich seien. Kritiker warnten daraufhin vor einer „scheibchenweisen Legalisierung“ der Droge.

Zwölf Millionen Schmerzpatienten

Doch einer vollständigen Legalisierung – der Slogan „Legalize it!“ kursiert immerhin seit mehr als 50 Jahren- kommt die Entscheidung keinesfalls gleich.

In Deutschland gibt es der Deutschen Schmerzgesellschaft zufolge zwölf Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen – die jüngsten Zahlen für Cannabis-Ausnahmeerlaubnisse zeigen dabei, dass die geplante Gesetzesänderung nur einen Bruchteil von ihnen betrifft.

239 haben seit Anfang 2014 eine Ausnahmeerlaubnis beantragt, um Cannabis zu medizinischen Zwecken zu nutzen, teilte BMG-Staatssekretärin Ingrid Fischbach jüngst auf eine parlamentarische Anfrage der Linken mit.

Neben Schmerzpatienten zählen zu den betroffenen Indikationen Spastik bei MS, Tourette-Syndrom, depressive Störungen sowie ADHS.

„Cannabis kann dabei nie als Medikament der ersten Wahl gelten“, betont Professor Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD).

Wie beim Einsatz von Opioiden müsse eine Indikation vorliegen. „Der Einsatz kommt dann in Frage, wenn der Patient mit seiner Therapie am Ende steht und Menschen nicht mehr auf anderen Wegen geholfen werden kann.“

Der BVSD befürworte die Neuregelung aber ausdrücklich: „Dadurch könnten mehr chronisch kranke Schmerzpatienten adäquat behandelt werden.“ So fallen in der Therapie mit Cannabis beispielsweise viele Nebenwirkungen weg, die bei der Einnahme von starken Schmerzmitteln auftreten, so der Mediziner.

Cannabis auf Rezept bedeute dabei auch, „dass betroffene Patienten nicht stigmatisiert werden, jedem unabhängig vom Geldbeutel der Zugang ermöglicht wird und die Qualität der Arznei gewährleistet ist“, so Blienert und Mattheis.

CSU-Politikerin ändert Meinung zu Cannabis

Auch die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, hat ihr Nein zum Cannabis-Konsum für Schwerkranke am Dienstag revidiert.

Grundsätzlich sei sie für das Verbot der Cannabis-Einnahme – zur Behandlung von Schmerzpatienten sei dies aber doch überlegenswert, sagte Hasselfeldt in Berlin.Sie hatte sich zuvor strikt dagegen ausgesprochen.

Ob Cannabis für Schwerkranke zur Kassenleistung gemacht werden sollte, müssten zunächst aber die Fachgremien bewerten, sagte Hasselfeldt.Bisher sind die Reaktionen auf Mortlers Ankündigung damit durchweg positiv.

Auch Kathrin Vogler (Linke) und Frank Tempel (Linke), Mitglieder des Deutschen Bundestags, kritisierten im Dezember in einem gemeinsamen Positionspapier: „In Bezug auf Cannabis als Medizin werden aus ideologischen Gründen hohe, teils unüberwindbare Hürden aufgebaut.

Den Patienten werden so möglicherweise notwendige Therapieoptionen vorenthalten und die Forschung sehr erschwert.“

Ein Punkt, in dem sich Linke und Grüne einig sind: „Aus rein ideologischen Motiven verweigert die Regierung seit Jahren schwer kranken Menschen die Genehmigung zum Eigenanbau von Cannabis“, kritisierte Harald Terpe, Grünen-Sprecher für Drogenpolitik, bereits nach dem Kölner Urteil.

„Das geltende Betäubungsmittelrecht behindert die medizinische Versorgung, kriminalisiert schwerkranke Menschen und treibt sie auf den Schwarzmarkt. Das muss endlich ein Ende haben.“ (Mitarbeit Anno Fricke)

(Quelle: Ärztezeitung.de)