Wirkt Marihuana gegen neuropathische Schmerzen?

SPRINGERMEDIZIN

Analgetische Therapie
Wirkt Marihuana gegen neuropathische Schmerzen?

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Vielzahl und Leidenschaft der Debatten über Nutzen und Schaden von Marihuana in der Medizin kontrastieren auf merkwürdige Weise mit der relativ dürren wissenschaftlichen Datengrundlage, auf der sie geführt werden. Das musste auch ein Wissenschaftlerteam um den Schmerzspezialisten Amol Deshpande vom University Health Network in Toronto feststellen. Die Forscher suchten nach randomisierten und kontrollierten Studien hinreichender Qualität zum Thema chronischer, nicht tumorbedingter Schmerzen. Sie fanden sechs: Fünf befassten sich mit neuropathischen Schmerzen, eine Studie hatte die Spastik bei Patienten mit multipler Sklerose im Blick und wertete die Wirkung auf Schmerzen als sekundären Endpunkt aus. Beteiligt waren insgesamt 226 Patienten.
Ergänzung der Schmerztherapie
Beim untersuchten Wirkstoff handelte es sich jeweils um Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). In keiner der Studien zum Neuropathieschmerz wurde er allein eingesetzt, das heißt in Rauch oder Dampf inhaliert. Vielmehr ergänzte er die bestehende Schmerztherapie, zu der auch Opioide und Antikonvulsiva gehören konnten.
Der schmerzlindernde Effekt von Marihuana fiel zwar in jeder einzelnen Studie statistisch signifikant aus. Allerdings wurde nur in drei Studien von einer klinisch relevanten Schmerzminderung berichtet. Darunter ist je nach Definition eine Reduktion der Schmerzintensität um 30% oder um zwei Punkte auf einer Skala von 0 bis 10 (stärkste Schmerzen) zu verstehen.
Bis zu 34 mg THC täglich
Wie zu erwarten, zeitigte der Cannabiskonsum Folgen für die Neurokognition. Aber auch über visuelle, gastrointestinale und muskuloskeletale Nebeneffekte wurde berichtet. Ernste Nebenwirkungen traten nicht auf, allerdings wurden keine Langzeiteffekte untersucht. Die Studie erstreckten sich über maximal fünf Tage.
Relativ gering wie die Effekte waren auch die eingesetzten THC-Dosen. Sie reichten von knapp 2 mg bis 34 mg THC täglich. Schon in weniger liberalen Zeiten waren in Kanada siebenmal höhere Dosen für den medizinischen Einsatz zulässig. Die in den Studien verwendeten Dosen liegen aber in einer Größenordnung, wie sie die Fachinformation eines in Deutschland erhältlichen THC-Präparates für die Behandlung von MS-Patienten mit anders nicht beherrschbarer Spastik vorsieht.
publiziert am: 10.9.2015 13:30
Autor: Robert Bublak
Quelle: springermedizin.de

basierend auf: Deshpande A et al. Efficacy and adverse effects of medical marijuana for chronic noncancer pain: Systematic review of randomized controlled trials. Can Fam Physician 2015; 61: e372-81