Schmerzskala alleine reicht nicht

02.11.2018 | Schmerzkongress 2018 | Kongressbericht | Nachrichten

Schmerzbeurteilung

Schmerzskala alleine reicht nicht

Autor:Dr. med. Thomas M. Heim

(c) Mundipharma

Schmerzen sind immer mehrdimensional und umfassen neben der reinen Schmerzintensität immer auch eine Vielzahl weiterer wahrnehmungsbezogener und psychosozialer Faktoren. Dennoch wird in der Mehrzahl der Fälle die Schmerzintensität als alleiniger Parameter zur Beurteilung von Schmerzen herangezogen, sowohl in Studien als auch in der Patientenversorgung. Der Mangel an validierten patientenrelevanten Schmerzverlaufsparametern zeigt sich exemplarisch in Studien zur Qualitätssicherung in der postoperativen Akutschmerztherapie.

Um die Fallstricke einer eindimensionalen Schmerzbewertung zu illustrieren, nennt Prof. Esther Pogatzki-Zahn, Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Uniklinik Münster, das Beispiel einer Patientin, die einen Tag nach einer Knie-OP in ihrem Zimmer sitzt und strickt. Auf die Frage „wie stark sind Ihre Schmerzen gerade?“, antwortet die Frau lapidar, während sie weiterstrickt (sic!): „Ja, so sieben“.

Eine gute Schmerzbehandlung dürfe, so Pogatzki-Zahn, an dieser Stelle nicht stehen bleiben. Als zusätzliche wichtige Aspekte des Schmerzerlebens seien beispielsweise die Differenzierung zwischen Belastungs- und Ruheschmerz, die allgemeine Zufriedenheit mit der Behandlung und ein möglicher Wunsch nach mehr Schmerzmittel zu erfragen. Wird das Angebot, die medikamentöse Schmerztherapie zu intensivieren, nicht angenommen, kann der Grund darin liegen, dass unter der bisherigen Behandlung Nebenwirkungen aufgetreten sind. Auch die schmerzbedingte Funktionsbeeinträchtigung sei eine wichtige und daher immer aktiv zu erfragende Dimension des Schmerzerlebens. Bei postoperativen Schmerzen gehören dazu unmittelbar OP-assoziierte Beeinträchtigungen von Bewegungsfunktionen, aber auch Schlafstörungen und psychosoziale Aspekte wie Gefühle von Hilflosigkeit oder Angst auf der einen oder Selbstwirksamkeitsüberzeugungen auf der anderen Seite. Bei der Beurteilung des Schmerzerlebens steht natürlich die subjektive Bewertung durch den Patienten im Vordergrund. Sie kann aber durch leicht messbare klinische Parameter ergänzt werden, wie Opioidverbrauch oder Funktionsparameter wie Laufstrecke oder Vitalkapazität.

Um die Dimensionen des Schmerzerlebens zukünftig standardisiert und valide erfassen zu können, werden in einem bereits seit Jahren anhaltenden Prozess der Forschung und Konsensfindung Zielparameter und Evaluationsinstrumente erarbeitet, die sich sowohl für klinische Studien als auch für die Qualitätssicherung in der medizinischen Versorgung eignen sollen.

Prof. Winfried Meißner, Fachbereich Schmerztherapie, Uniklinik Jena, sieht auf diesem Weg hoffnungsvolle Signale. Dazu zählt er beispielsweise die Tatsache, dass die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin nun erstmals Ergebnis-Qualitätsindikatoren für die Versorgung von Schmerzpatienten definiert hat, etwa den Quotienten aus der Anzahl der Patienten, die innerhalb von 48 Stunden nach Aufnahme eine Schmerzreduktion erlebt haben, geteilt durch die Anzahl der Patienten, die bei Aufnahme signifikante Schmerzen hatten.

Auch dass die Konferenz der Gesundheitsminister der Länder sowie die Patientenvertretung im G-BA sich für die Entwicklung von Qualitätsindikatoren in der Schmerztherapie stark machen, wertet Meißner als hoffnungsvolles Zeichen.

Basierend auf: Symposium SY20 „Qualität in der Akutschmerztherapie – messen wir das richtige?“, 19.10.2018, Deutscher Schmerzkongress 2018, Mannheim.

Quelle: springermedizin.de