Krank ohne Krankengeld: Kleinste Fehler bei der Krankmeldung treiben Patienten in den Ruin

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Krank ohne Krankengeld
Kleinste Fehler bei der Krankmeldung treiben Patienten in den Ruin

Kranksein – das ist immer unangenehm. Früher allerdings führte ein Krankheitsfall und die damit verbundene Arbeitsunfähigkeit schnell in die Katastrophe.
Krank, nicht arbeiten können, kein Geld verdienen, pleite. Glücklicherweise können wir heute nicht mehr in diesen Teufelskreis hineingeraten – oder etwa doch?

Monika Anthes hat Menschen getroffen, die über einen Fallstrick im Gesetz gestolpert sind und jetzt quasi vor dem Nichts stehen.

Klaus Eckes

Klaus Eckes

„Einmal am Tag gehe ich spazieren. Spazieren zu gehen, dass ist das, was ich noch habe. Und viel mehr habe ich nicht.“
Klaus Eckes leidet seit Mai 2014 unter schweren Depressionen. Das war nicht immer so. Früher ist der KFZ-Mechaniker Rennen gefahren. Ein Foto aus besseren Zeiten. Doch schwere Motorradunfälle haben ihn aus der Bahn geworfen. Zu den Depressionen kam dann noch eine gefährliche Hautkrankheit. Und der Verlust der Arbeitsstelle. Um Menschen wie Klaus Eckes vor dem sozialen Abstieg zu bewahren, gibt es das Recht auf Krankengeld. Die Kassen zahlen bis zu 78 Wochen lang 70% des Bruttolohns. In dieser Zeit ist man außerdem beitragsfrei krankenversichert. So war es zunächst auch bei Klaus Eckes. Doch dann schreibt ihm seine Kasse, die AOK, er sei „abgemeldet“. Plötzlich hat er den Anspruch auf Krankengeld verloren.

O-Ton, Klaus Eckes:
„Man weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll, man weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Man hat sich versucht an alles zu halten. Ja, es war niederschmetternd. Es kam dann noch zu den Depressionen dazu, die ich noch hatte. Das war dann wirklich… man kann es nicht beschreiben.“

Seitdem muss Klaus Eckes seine letzten Ersparnisse aufbrauchen – er bekommt weder Kranken- noch Arbeitslosengeld. Gemeinsam mit seiner Hausärztin versucht er herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Die Krankenkasse begründet den Verlust des Krankengeldanspruchs mit einer zeitlichen Lücke im Nachweis der Arbeitsunfähigkeit.
Dazu kam es, als er im Herbst aus einer psychosomatischen Tagesklinik entlassen wurde und zu Hause auf einen Platz in der Hautklinik wartete.

O-Ton, Dr. Anja von Buch, Hausärztin:
„Es ist weder eine Lücke beim Arztbesuch noch ist es eine Lücke in der Erkrankung, sondern es ist

Dr. Anja von Buch, Hausärztin

Dr. Anja von Buch, Hausärztin

nur eine Lücke im Ausstellen von Bescheinigungen, im Abstempeln von Zetteln. Und aus der wird dem Patienten, dem schwer kranken Patienten, ein Strick gedreht.“

Auf unsere Nachfrage erklärt die AOK schriftlich, es gebe „klare Regelungen“ des Gesetzgebers, woran sie sich „zwingend halten müsse“. Der Krankengeldanspruch sei nicht vom „faktischen Bestehen einer Krankheit“, sondern von der „ärztlichen Feststellung“ abhängig.
Tatsächlich vertritt das Bundessozialgericht genau diese Rechtsauffassung: Ohne lückenlose Bescheinigung verlieren Patienten wie Klaus Eckes den Anspruch auf Krankengeld – egal, ob Sie objektiv krank sind.
Sozialrichter Ulrich Knispel musste schon in vielen solcher Fälle urteilen. Für ihn steht fest: Die aktuelle Praxis überfordert die Menschen und führt zu Härtefällen.

O-Ton, Ulrich Knispel, Vorsitzender Richter Landessozialgericht NRW:

Ulrich Knispel, Richter Landessozialgericht NRW

Ulrich Knispel, Richter Landessozialgericht NRW

„Härten deswegen, weil der Anspruchsverlust dazu führt, dass eben auf Dauer kein Krankengeldanspruch mehr besteht. Und da die Leute krank sind, bekommen sie auch keine Lohnersatzleistungen in der Gestalt des Arbeitslosengeldes.“

Und Patientenvertreter wie Dr. Richard Barabasch beobachten, dass immer mehr Versicherte davon betroffen sind:

O-Ton, Dr. Richard Barabach, Bürgerinitiative Gesundheit e.V.:
„Nach den Informationen, die bei uns eintreffen, an Beschwerden von Patienten hochgerechnet, müssen wir davon ausgesehen, dass solche Ereignisse jeden Tag mehrmals passieren und in den letzten Monaten eindeutig zugenommen haben. Bewerten kann man das nur als eine unsägliche Spitzfindigkeit und eine Bürokratie-Exekution auf dem Rücken von kranken Menschen.“

Wie penibel bürokratisch in solchen Fällen vorgegangen wird, zeigt auch die Geschichte von Petra Wastl. Sie hatte im Frühjahr 2014 einen Hirninfarkt. Seither leidet sie unter den Folgen:

O-Ton, Petra Wastl:
„Gedächtnisverluste hatte ich gehabt. Pelzige Hand, taub und ja, halt einfach Sprechprobleme.“

Petra Wastl

Petra Wastl

Ihr Arzt ist davon überzeugt, dass sie bis heute arbeitsunfähig ist. Dennoch hat auch sie den Krankengeldanspruch verloren. Sie war bis Sonntag, den 14. September, arbeitsunfähig geschrieben. Am Montag, den 15. September bekam Sie die Anschlussbescheinigung. Zu spät, denn der Anspruch entsteht laut Gesetz erst wieder am Folgetag, also dem Dienstag. So entstand auch hier eine fatale Lücke.

O-Ton, Petra Wastl:
„Ich habe Angst gehabt, ich habe fast nicht mehr schlafen können, ich habe keine Luft mehr bekommen. Ich bin da gestanden und habe gesagt: ‚Was soll ich noch tun?‘, ich habe gesagt: ‚Warum? Bloß weil dieser blöde Sonntag!'“

Nicht nur Patienten wie Petra Wastl auch Experten fordern eine Klarstellung durch den Gesetzgeber.
Tatsächlich plant die Bundesregierung aktuell eine Reform des Krankengeldes. Der Anspruch soll in Zukunft vom Tag der ärztlichen Feststellung an entstehen. Die Bescheinigung darf auch noch am nächsten Werktag ausgestellt werden. Patienten wie Petra Wastl würde das helfen. Doch Kritikern geht der Entwurf nicht weit genug:

O-Ton, Ulrich Knispel, Vorsitzender Richter Landessozialgericht NRW:
„Von daher hielte ich eine Gesetzesänderung für sinnvoller, die klarstellt, dass der Anspruch dann so lange besteht, wie objektiv Arbeitsunfähigkeit vorliegt.“

Passiert das nicht, dann bleiben Fristen bestehen, die schwerstkranke Menschen wie Klaus Eckes punktgenau einhalten müssen, wenn sie nicht von heute auf morgen vor dem Nichts stehen wollen.

Stand: 28.01.2015, 15.41 Uhr

→Manuskript zum Herunterladen: Krank ohne Krankengeld: Kleinste Fehler bei der Krankmeldung treiben Patienten in den Ruin
(pdf | 70,6 KB)

 

(Quelle: Report Mainz / SWR.de)

Ein Gedanke zu „Krank ohne Krankengeld: Kleinste Fehler bei der Krankmeldung treiben Patienten in den Ruin

  1. Guten Tag,

    dieser Thread war sehr interessant. Danke dafür. Doch warum kann die AOK einfach behaupten, dass der Patient abgemeldet ist. Es scheint hier so, dass KK Gewinne wichtiger sind, als die Versorgung der Menschen. Es sei zusätzlich erwähnt, dass laut Gesetz die Kassen keinen Gewinn generieren dürfen. Meiner Meinung nach, müsste der Staat hier in die Handhabung der GVK eingreifen um alle entsprechend zu schützen. Nicht umsonst herrscht in Deutschland eine Versicherungspflicht für die Gesundheitsversorgung.

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