Pregabalin: Die GABA-Dröhnung

Pregabalin gehört zur Standardmedikation bei neuropathischen Schmerzen. In den letzten Jahren sind die Verordnungszahlen extrem gestiegen. Ist der Trend auf die Opioid-Angst der Ärzte zurückzuführen? Und erklärt das Verordnungsverhalten den steigenden Substanzmissbrauch?

(c) DocCheck News

Ärzte verordnen Pregabalin meist bei neuropathischen Schmerzen, die im Zuge eines Diabetes mellitus (diabetische Neuropathie), einer Gürtelrose (Post-Zoster-Neuralgie) oder einer Fibromyalgie auftreten. Auch bei Patienten mit Epilepsie oder generalisierten Angststörungen kommt das Pharmakon zum Einsatz. Es bindet an spannungsabhängige Calciumkanäle im zentralen Nervensystem und verringert so die Ausschüttung von Neurotransmittern. Dieser wünschenswerten Wirkung stehen allerdings durch Nebenwirkungen verursachte Notfälle sowie unerwünschte Interaktionen mit anderen Medikamenten gegenüber. Außerdem nehmen die Fallzahlen des gezielten Missbrauchs stark zu.

Mehr Pregabalin aus Angst vor Opioiden?

In Australien ist die Zahl an Fällen des Pregabalin-Missbrauchs zwischen 2012 und 2017 regelrecht explodiert, berichtet Rose Crossin von der Monash University, Melbourne. Innerhalb dieses Zeitraums identifizierte sie im Bundesstaat Victoria 1.201 Notfälle in Zusammenhang mit dem Medikament. Neben Schwindel und Müdigkeit treten in seltenen Fällen Herzrhythmusstörungen und Muskelkrämpfe auf. Bei älteren Patienten steigt die Gefahr, zu stürzen.

Fand Crossin zu Studienbeginn noch 0,28 Fälle pro 100.000 Einwohner, stieg die Rate am Ende des Zeitraums auf 3,32 Fälle pro 100.000 Einwohner. Diese Entwicklungen korrelieren statistisch mit dem Anstieg von Pregabalin-Verordnungen. Erhalten mehr Patienten den Wirkstoff, steigt auch die Gefahr von unerwünschten Effekten aller Art – von den Nebenwirkungen bis hin zum Missbrauch. Von allen untersuchten Patienten hatten 593 (49 %) eine medizinische Vorgeschichte, die Crossin als Kontraindikation für Pregabalin bewertet, beispielsweise Suchterkrankungen. 472 Personen (39 %) unternahmen einen Selbstmordversuch. 812 Personen (68 %) nahmen zusätzlich Sedativa ein, wobei Benzodiazepine (440 Personen, 37 %) an erster Stelle standen.

Der Verordnungstrend sei vielleicht auf die Angst vieler Ärzte vor Opioden zurückzuführen, vermutet Shalini Arunogiri von der Monash University gegenüber dem „New Scientist“. Weltweit warnen Suchtexperten vor mehr Opioidabhängigkeit. Nur ist Pregabalin häufig keine Alternative, da sich die Wirkung auf neuropathische Schmerzen beschränkt. Wie gehen die Ärzte hierzulande mit Pregabalin um? Lassen sich die in Australie beobachteten Trends auch auf Deutschland übertragen?

Ein Kick auf Umwegen

Auch bei uns kommt es immer häufiger zu medizinischen Notfällen durch Pregabalin, warnt Nicolas Zellner vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Er wertete sowohl Gespräche des Giftnotrufs als auch Patientendaten aus der Toxikologie aus. Von 2008–2015 behandelten Ärzte 263 Patienten aufgrund eines Pregabalin-Missbrauchs. Die Anzahl der Fälle pro Jahr stieg von 0–5 in den Jahren 2008–2011 auf 105 Fälle im Jahr 2015. 2008 gingen drei Anrufe zu Pregabalin-Missbrauch im Giftnotruf ein, 2015 waren es 71.

Pregabalin ist nach Opiaten, Benzodiazepinen, Cannabis und Alkohol zur fünfthäufigsten missbrauchten Substanz aufgestiegen“, sagt Zellner in einer Pressemitteilung. Pharmakologen stuften das Risikopotenzial zunächst als gering ein. Bald entdeckte man in der Szene jedoch, dass hochdosiertes Pregabalin plus Alkohol oder Methadon sehr wohl zum „Kick“ führt. In der deutschen Fachinformation warnen Hersteller deshalb: „Bei Patienten mit Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte ist Vorsicht geboten und der Patient sollte hinsichtlich Symptomen eines nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchs, des Missbrauchs oder der Abhängigkeit von Pregabalin (…) überwacht werden.“

Immer häufiger verordnet

Der zweite Trend aus Crossins australischen Studie, die steigenden Verordnungszahlen, lassen sich in Deutschland ebenfalls beobachten. Laut Arzneiverordnungsreport wurden in 2017 genau 98 Millionen definierte Tagesdosis (DDD) Pregabalin aufgeschrieben, das sind 6,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2016.

Zwischen 2008 und 2014 ist die Zahl an verordneten definierten Tagesdosen bei Pregabalin stetig angewachsen. Zwischen 2014 und 2017 kam es aufgrund von Generika zu einem stärkeren Anstieg. Seit 2014 stagnieren die Verordnungszahlen des kürzer und schwächer wirksamen Gabapentins. © Arzneiverordnungsreport 2018

Seit Ende 2014 sind außer dem Originalpräparat Lyrica® auch etliche Generika verfügbar. Bei uns wird Pregabalin auf Kassenrezepten fast ausschließlich (89 %) bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt.

Alternativlos bei neuropathischen Schmerzen

Frank Birklein © Universitätsmedizin Mainz

„In der Praxis hat Pregabalin nach wie vor einen hohen Stellenwert zur Therapie neuropathischer Schmerzen“, sagt Prof. Dr. Frank Birklein zu DocCheck. Er ist Leiter der Sektion Periphere Neurologie und Schmerz, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Letztendlich gibt es wenige Substanzen, die so gut getestet worden sind.“ Mehrere Veröffentlichungen (u.a. Moore et al. 2009, Finnerup et al. 2015) und Leitlinien belegen dies. Das Wirkniveau liegt Birklein zufolge etwa 20 Prozent über Placebo-Wirkniveau. „Allerdings wird Pregabalin manchmal in zu niedriger Dosierung verordnet. Das führt vor allem bei älteren Patienten zu Nebenwirkungen ohne wünschenswerte analgetische Effekte.“ Eine Alternative in der First-Line-Therapie wäre laut Birklein Duloxetin, wobei der Wirkstoff streng genommen nur bei diabetischer Neuropathie zugelassen sei, nicht etwa bei generalisierten Angsstörungen, Epilepsie etc.

Hinter den steigenden Verordnungszahlen vermutet Birklein mehrere Ursachen:

  • Pregabalin-Generika sind günstiger als das Originalprodukt und werden häufiger verordnet.
  • Pregabalin übernimmt Aufgaben der kürzer und schwächer wirksamen Substanz Gabapentin, was sich auch anhand der Stagnation der DDD bei Gabapentin zeigt (siehe Grafik).
  • Neuropathische Schmerzen nehmen zu, allein schon wegen der steigenden Zahl an Patienten mit Typ-2-Diabetes.
  • Neue Indikationen für Pregabalin beispielsweise bei Fibromyalgie sind hinzugekommen.
  • Teilweise wird Pregabalin auch jenseits der Indikation „neuropathische Schmerzen“ eingesetzt. Das beste Beispiel dafür sind nicht-neuropathische Rücken- oder Extremitätenschmerzen. Einer systematischen Review und Metaanalyse zufolge zeigt der Wirkstoff hier aber keinen Effekt. Er wird in Leitlinien auch nicht empfohlen.

Riskante Interaktionen

Beim Einsatz von Pregabalin darf nicht vergessen werden, dass es sich oft um alte, multimorbide Patienten handelt, die weitere Arzneistoffe erhalten. Tara Gomes von der University of Toronto warnt Ärzte, gleichzeitig zu Pregabalin auch Opioide zu verordnen. Sie hat im Rahmen einer Kohortenstudie Daten von 1.417 Patienten zwischen 15 und 105 Jahren ausgewertet, die alle nach Opioid-Verordnungen gestorben waren. Zum Vergleich dienten 5.097 Kontrollfälle mit ähnlichen Erkrankungen und Opioid-Einsatz. Erhielten Patienten in den letzten 120 Tagen vor dem Tod ein Opioid und Pregabalin, war ihr Mortalitätsrisiko 1,68 Mal höher als das der Patienten, die nur ein Opioid bekamen. Aufgrund des Studiendesigns handelt es sich allerdings nur um eine Assoziation. Da Gomes auch Dosis-Wirkungs-Beziehungen beschreibt, sind kausale Zusammenhänge zumindest denkbar. Als Alternative bleiben in manchen Fällen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) plus Pregabalin. Diese Kombination führt nicht zu einer höheren Mortalität als die Gabe von NSAIDs allein.

Mit Bedacht verordnen

Was sollten Ärzte angesichts der Datenlage also tun? Bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen – nicht nur mit Neuropathie – hat Pregabalin in der korrekten Dosierung seine Berechtigung. Zu niedrige Mengen wirken zwar etwas sedierend und schlaffördernd, ohne neuropathische Schmerzen zu verringern. Zuvor sollte abgeklärt werden, ob es Hinweise auf eine Substanzabhängigkeit in der Vorgeschichte gibt.

Artikel von Michael van den Heuvel

Capsaicin als Alternative bei neuropathischem Schmerz

Ärzte Zeitung online, 04.12.2018

Lokale Therapie

Capsaicin als Alternative bei neuropathischem Schmerz
Patienten mit kurzer Schmerzdauer und brennender Schmerzqualität sprechen wohl besonders gut auf Capsaicin an.

(c) www.bionutelixir.com

MANNHEIM. Bei neuropathischen Schmerzen kann eine lokale Therapie mit Capsaicin eine anhaltend wirksame und verträglichere Alternative zu systemischen Therapien sein. Als besonders effektiv haben sich dabei kutane Pflaster erwiesen, die die Applikation von Capsaicin in hoher Konzentration erlauben.

Die offene randomisierte Studie ELEVATE hat ergeben, dass die Wirkung des kutanen Pflasters Qutenza® 179 mg mit acht Prozent Capsaicin bei Patienten mit peripher neuropathischen Schmerzen schneller eintritt und mit weniger Nebenwirkungen assoziiert ist als die systemischen Pregabalins, so Professor Christian Maihöfner vom Klinikum Fürth.

Einer Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien zufolge tritt die Schmerzlinderung unter Qutenza® 179 mg nach 1−4 Tagen ein und hält durchschnittlich fünf Monate lang an.

Prädiktorenanalysen aus verschiedenen klinischen Studien zeigen Maihöfner zufolge, dass Patienten mit kurzer Schmerzdauer, brennender Schmerzqualität und Schmerzauslösung durch Druck besonders gut auf die Capsaicinbehandlung ansprechen.

Forschende der Universität Bochum haben in einer Studie an 20 Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen in der Quantitativ Sensorischen Testung (QST) Hinweise darauf gefunden, dass Schmerzen, die durch Kälte oder Druck induzierbar sind, mit besonders hohen Ansprechraten unter Capsaicin einhergehen.

Entgegen früheren Annahmen wirkt topisches Capsaicin nicht nur peripher, sondern auch über zentralnervöse Mechanismen. Dabei scheine der Modulation der zentralen Neuroplastizität eine Schlüsselrolle zuzukommen, erklärte Maihöfner bei der vom Unternehmen Grünenthal unterstützen Veranstaltung beim Deutschen Schmerzkongress. Das könnte erklären, warum Capsaicin auch bei Phantomschmerzen wirkt, was überraschend ist, da hier eine periphere Deafferenzierung vorliegt.

„Capsaicin ist mit ein wenig Übung unproblematisch anwendbar“, ermutigte Privatdozent Dr. Kai-Uwe Kern, Institut für Schmerzmedizin, Wiesbaden. Dass eine frühe Therapie möglichst innerhalb der ersten sechs Monate nach dem ersten Auftreten der Schmerzen deutlich effektiver ist als eine spätere, bestätigt Kern. Allerdings würden auch Rötung und Brennen unter einer frühen Behandlung häufiger auftreten.

Kern stellte Ergebnisse aus einer Beobachtungsstudie mit 126 Patienten vor, in der er keinen Einfluss von Rötung oder Brennen auf den Behandlungserfolg finden konnte. In einer weiteren Studie mit 58 Patienten stellte Kern fest, dass eine Vorbehandlung mit topischem Lidocain keinen Einfluss auf die Schmerzintensität innerhalb der ersten 24 Stunden nach Therapiebeginn hat und somit entbehrlich sei. Nach seiner Erfahrung kann man die Behandlung mit Capsaicin nach Abklingen der Wirkung problemlos wiederholen und über viele Jahre hinweg fortführen. (hei)

Quelle: aerztezeitung.de

So klappt es mit der Cannabis-Verordnung

Ärzte Zeitung online, 03.12.2018

Medizinalhanf

Ein Drittel aller Anträge auf eine Cannabistherapie wird von den Kassen abgelehnt. Häufigste Begründung: Es gebe Therapiealternativen.

MANNHEIM. Seit März 2017 haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Versorgung mit Cannabis. Allerdings bedarf die Cannabis-Therapie der Genehmigung durch die Kasse. „Im Gesetz werden keine Indikationen genannt, es wird allgemein von schwerwiegenden Erkrankungen gesprochen“, erinnerte Isabel Kuhlen, Juristin und Apothekerin aus Vellmar, bei einer von Bionorica unterstützten Veranstaltung zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) in Mannheim.

Schwerwiegend sei eine Erkrankung, wenn sie lebensbedrohlich ist oder die Lebensqualität auf Dauer stark einschränkt, so Kuhlen. Hierzu zählten etwa MS oder Aids, für die schon früher Off-Label-Therapien mit Cannabis möglich waren. Ebenfalls unter schwerwiegende Erkrankungen fielen ein Kachexie-Syndrom bei fortgeschrittenem Tumorleiden, schwer kontrollierbare, besonders viszerale Schmerzen sowie chronischer Wundschmerz bei Dekubitus und chronifizierte schwerste Schmerzen mit Aufhebung der Schlafarchitektur oder auch Vorderfußamputation wegen diabetischen Fußsyndroms.

Wichtigstes gesetzliches Genehmigungs-Kriterium sei allerdings, dass eine allgemein anerkannte Therapie nicht zur Verfügung steht oder nach Einschätzung des Arztes nicht angewandt werden kann. Kuhlen: „Ein Drittel aller Anträge auf Cannabis-Therapie wird von den Kassen abgelehnt, zwei Drittel davon mit der Begründung, es gebe Therapiealternativen“. In einem Antrag müsse daher immer stehen, dass es keine sinnvollen Alternativen gebe. Es sei wichtig, detailliert zu begründen, warum bestimmte Standardtherapien im konkreten Fall nicht infrage kommen. Kuhlen warnte aber auch davor, falsche Begründungen zu nennen.

„Wer angibt, dass Vortherapien nicht ausreichend wirksam waren, muss diese Therapien auch verordnet haben.“ Die Kasse könne das nachprüfen. Ähnliches gelte, würde man unerwünschte Arzneimittelwirkungen früherer medikamentöser Therapieversuche anführen. „Diese UAW müssen Sie dann auch gemeldet haben.“ Hinreichend begründen lasse sich die Cannabis-Verordnung auch mit der Aussicht auf eine spürbar positive Wirkung auf Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome.

Verordner sollten damit rechnen, dass Kassen die Evidenz der Cannabis-Therapie hinterfragen. Sie forderten zumindest auf die Versorgungssituation des Patienten übertragbare Ergebnisse aus Assoziationsbeobachtungen, Einzelfallberichten, pathophysiologischen Überlegungen oder von Meinungen anerkannter Experten. Ein Kostenübernahmeantrag sei nur bei erstmaliger Verordnung erforderlich, betonte Kuhlen, eine Befristung der Genehmigung unzulässig. Allerdings müsse der Arzt bei jedem Besuch des Patienten erneut darüber befinden, ob eine weitere Verordnung medizinisch indiziert sei. „Das gilt aber ja bei jeder Therapie“. Käme die Kasse damit, rät die Anwältin: „Lassen sie sich nicht von Selbstverständlichkeiten ablenken.“

Hinsichtlich der Kosten nannte Kuhlen Zahlen der Barmer. Danach kosten Fertigarzneimittel und Rezepturen wie Dronabinol oder Nabilon im Mittel 350 bis 700 Euro je Patient und Monat, Blüten rund 1700 Euro. Die Antragstellung müsse im Übrigen durch den Patienten erfolgen. Dieser kann den Vorgang an den Arzt delegieren. „Dann benötigen sie aber auch eine Vollmacht des Patienten“, so Kuhlen. (hub)

Expertenkonsens „Medizinischer Einsatz von Cannabinoiden“: www.cannabinoid-colleg.de

 

Quelle: aerztezeitung.de

Die Welt ist nicht opioideal

(c) doccheck

Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften zum Schmerzmittel-Abusus. Oft wird dabei übersehen, dass es auch eine Kehrseite gibt: Viele Patienten leiden an unerträglichen Schmerzen und werden nicht adäquat behandelt. Woran liegt das?

Massenhafte Verschreibungen und der Missbrauch von starken Schmerzmitteln wie Opiaten ist von großem medialen Interesse. Ein anderer Aspekt findet in der Debatte hingegen kaum Beachtung: Nicht alle Schmerzpatienten erhalten die Behandlung, die sie brauchen. Amerikanische Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und Suiziden. Sie sehen unzureichende Analgesien als möglichen Grund für eine Selbsttötung.

Durch Schmerzen in den Tod getrieben

Emiko Petrosky untersuchte Informationen über 123.181 Suizide aus den Jahren 2003 bis 2014 aus dem amerikanischen National Violent Death Reporting System (NVDRS). Von allen Betroffenen gab es bei 10.789 (8,8 Prozent) Hinweise auf chronische Schmerzen. Dazu zählten unter anderem Rückenschmerzen, Arthritis oder Schmerzen aufgrund von Tumoren. Die Dunkelziffer ist möglicherweise deutlich höher. Petrosky berichtet, in Abschiedsbriefen hätten zwei von drei Selbstmördern akute oder chronische unerträgliche Schmerzen als Grund für ihren Freitod angegeben. Er hält eine schlechte Kontrolle chronischer Schmerzen daher für einen möglichen Grund, sich das Leben zu nehmen. Grund genug, die oft zitierte Opioid-Epidemie in alle Richtungen zu hinterfragen.

These 1: Es gibt zu wenige Schmerzexperten

Eine Erklärung für die Defizite im Bereich der Schmerztherapie hat Prof. Joachim Nadstawek, Präsident des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), parat. „Noch immer warten Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen auf eine Verbesserung ihrer Versorgungssituation“, sagt der Anästhesist. „Und noch immer dauert es im Schnitt vier Jahre, bis ein Patient eine geeignete Therapie findet.“ Fehlversorgung sei dabei häufig. Klar ist, dass Nadstawek auch die Interessen seines Befufsverbands im Blick hat. Für Deutschland fordert er „neue schmerzmedizinische Versorgungsstrukturen“. Doch was genau ist damit gemeint?

Derzeit gibt es nur 1.206 ambulant tätige Schmerzspezialisten. Dies sei zu wenig, um den Bedarf zu decken, schreibt der BVSD.
Nadstawek fordert die Einführung einer schmerzmedizinischen Bedarfsplanung.
Da sich die Bedarfsplanung zur vertragsärztlichen Versorgung an Facharztgruppen orientiert, wäre ein Facharzt für Schmerzmedizin denkbar.
Mit Zusatzweiterbildungen (gemäß Muster-Weiterbildungsordnung) oder Rahmenvereinbarungen für Qualitätssicherungsmaßnahmen (wie im V. Sozialgesetzbuch, § 135 Abs. 2 vorgesehen) soll der Versorgungsbedarf zusätzlich sichergestellt werden.

These 2: Im chirurgischen Bereich fehlen Qualitätsindikatoren zur Analgesie

In einer Arbeit stellten Forscher fest, dass die Qualität der postoperativen Schmerztherapie an deutschen Krankenhäusern erheblich variiert. Prof. Dr. Winfried Meißner vom Uniklinikum Jena analysierte zusammen mit Kollegen Daten aus 138 Krankenhäusern. Seine Kohorte umfasste 21.114 OPs. In Unikliniken berichteten 2,44 Mal mehr Patienten über starke Schmerzen und in Schwerpunktkrankenhäusern waren es 1,39 Mal mehr als in Häusern der Grund- und Regelversorgung. Schmerzbedingte Bewegungseinschränkungen kamen in Unikliniken 2,12 bzw. 1,87 Mal häufiger in Schwerpunktkrankenhäusern vor. „Auf dem Gebiet der postoperativen Schmerztherapie besteht erheblicher Optimierungsbedarf“, schreibt Meißner. „Qualitätsindikatoren im Bereich Akutschmerzmedizin könnten möglicherweise helfen, die Versorgungssituation der Patienten zu verbessern.“

Erstaunlich ist, dass Patienten aus Kliniken der Grund- und Regelversorgung eine bessere Ergebnisqualität der postoperativen Schmerztherapie zeigten als Patienten aus Schwerpunkt- und Universitätskliniken. Dass Krankenhäuser einer höheren Versorgungsstufe eine schlechtere Ausstattung besäßen oder weniger medizinisch-technische Ressourcen hätten, könne nicht der Grund dafür sein, so die Autoren. Sie vermuten, dass „weiche“ Faktoren in diesen Kliniken einen größeren Einfluss auf die Ergebnisqualität einer Schmerztherapie haben. Dazu zählen zum Beispiel eine höhere Personalfluktuation, ein niedrigerer Ausbildungsstand, größere Anonymität und Kommunikationsdefizite sowie unterschiedliche Erwartungen der Patienten an die jeweiligen Einrichtungen.

Im Jahr 2013 kamen deutsche und niederländische Forscher zu dem Ergebnis, dass Patienten vor allem bei kleineren chirurgischen Eingriffen wie einer Appendektomie oder Tonsillektomie über starke postoperative Schmerzen klagen. Bei größeren Eingriffen seien die Schmerzen im Vergleich geringer. Bei diesen Eingriffen würde eher auf eine bessere Schmerztherapie geachtet, so die Autoren. Für die Studie wurden Beschwerden bei 50.000 Patienten nach 179 verschiedenen chirurgischen Eingriffen standardisiert erfasst.

These 3: Leiden trotz Leitlinie

Dr. Johannes Horlemann, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin bzw. Experte für Schmerztherapie sieht ebenfalls Schwachstellen im Bereich der Schmerztherapie: „Obwohl sich Opioide weltweit durch Wirksamkeit und Verträglichkeit gegenüber vielen Formen von Schmerzen etabliert haben, besteht eine weit verbreitete Opioidphobie.“ Dadurch bekämen auch jene Patienten keine Opioide verschrieben, die sie dringend bräuchten, so seine Vermutung. Kollegen rät er, sich die S3-Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen“ vorzunehmen. In den Empfehlungen heißt es: „Bei einer Langzeittherapie mit Opioiden soll in regelmäßigen Abständen überprüft werden, ob die Therapieziele weiter erreicht werden und ob es Hinweise für Nebenwirkungen (z. B. Libidoverlust, psychische Veränderungen wie Interesseverlust, Merkfähigkeitsstörungen sowie Sturzereignisse) oder für einen Fehlgebrauch der rezeptierten Medikamente gibt.“ Das betrifft beispielsweise chronische Schmerzen aufgrund orthopädischer Erkrankungen. Abhängigkeit ist in der onkologischen Palliativmedizin eher zweitrangig.

Genauer hinsehen statt pauschalisieren

Bleibt als Fazit: Wer von einer Opioid- oder Analgetika-Epidemie spricht, bewertet das Thema zu pauschal. Abhängigkeit ist ein großes Problem. Aus Angst vor Opioid-Missbrauch gänzlich von Verschreibungen abzusehen, ist jedoch der falsche Weg. Viele Schmerzpatienten sind auf die Therapie mit stark wirksamen Analgetika, also auch Opioiden, angewiesen. Nach wie vor gibt es Patientengruppen, die nicht adäquat versorgt werden. Im Mittelpunkt sollten deshalb nicht statistische Verordnungsdaten, sondern Menschen und patientenbezogene Parameter stehen.

Quelle: news.doccheck.com

Neuer Informationsflyer des CRPS Netzwerk

Wir haben unseren Informationsflyer zum CRPS Netzwerk aktualisiert, da die Version von 2016 nicht mehr aktuell war. Hier findet man kurze und prägnante Informationen zur Erkrankung sowie zum CRPS Netzwerk. Es sind auch die wichtigsten Links zu unseren Webseiten angegeben, um zum Beispiel auch eine Selbsthilfegruppe mit Gruppentreffen in der Nähe zu finden.

Unseren neuen Informationsflyer kann man zum slbst Ausdrucken herunterladen oder in unserem Shop bestellen. Dabei können gerne auch größere Mengen bestellt werden, um in Arzt- und Therapiepraxen ausgelegt zu werden. Wir bedanken uns für die Verbreitung unserer Flyer.

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PDF-Dokument, 1,8 MB

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Dort findet man auch weitere Flyer und Artikel zum Bekanntmachen unserer Erkrankung.