Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch

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03.07.2015

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister. © Richard Villalon / Fotolia

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister.
© Richard Villalon / Fotolia

Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch

NEU-ISENBURG. Wird Cannabis in Deutschland legalisiert? Seit die Grünen vor einigen Monaten ihren Entwurf für ein Cannabiskontrollgesetz in den Bundestag eingebracht haben, der den Handel und Besitz der Droge ermöglichen soll, ist unter Befürwortern und Gegnern der Legalisierung eine hitzige Debatte entbrannt.

Unterdessen wollen einige Bezirke und Stadtstaaten Fakten schaffen: In Bremen, Hamburg und Berlin gibt es Initiativen mit dem Ziel, Marihuana künftig in Apotheken oder Coffeeshops legal zu erwerben.

In Deutschland sind Anbau, Herstellung, Handel, Einfuhr, Ausfuhr, Abgabe und Veräußerung von Cannabis grundsätzlich strafbar. Ausnahmen sieht das Betäubungsmittelgesetz nur für die medizinische Verwendung von Cannabis und die Verarbeitung von Faserhanf-Sorten mit stark reduziertem THC-Gehalt vor.

Dagegen ist der Konsum von Drogen in Deutschland nicht verboten, da er rechtlich als straffreie Selbstschädigung gilt.

Langer Widerstand gegen Verbot

Gegen das Verbot von Cannabis regt sich seit Jahren Widerstand. Strafrechtler wie der Bremer Jurist Lorenz Böllinger halten die derzeitige Gesetzeslage gar für verfassungswidrig. „Das Grundrecht auf Handlungsfreiheit sieht vor, dass wir uns selbst schädigen dürfen“, argumentiert Böllinger.

„Es gibt daher ein Recht auf den Rausch, und dieses Recht darf vom Staat nicht unterlaufen werden.“ Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes vertritt die Auffassung, dass sich mit der Legalisierung von Cannabis der Schwarzmarkt austrocknen lasse und damit der organisierten Kriminalität die Grundlage entzogen würde.

„Die Prohibitionspolitik im Bereich von Cannabis ist vollständig gescheitert“, konstatieren die Grünen in ihrem „Entwurf eines Cannabiskontrollgesetzes“ und begründen ihre Einschätzung unter anderem damit, dass Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge sei.

„In Deutschland gebrauchen nach Schätzungen allein 2,3 Millionen volljährige Bürgerinnen und Bürger Cannabis. 22,2 Prozent der 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Schüler haben Cannabis konsumiert.“

Der illegale Handel mit Marihuana könne nicht effektiv kontrolliert werden, mit der Folge, dass auch verunreinigte Cannabis-Produkte sowie solche mit synthetisch erhöhtem Wirkstoffgehalt vertrieben würden. Nach den Grünen hat sich auch die FDP für eine Liberalisierung der Drogengesetze ausgesprochen.

Auf ihrem Bundesparteitag Mitte Mai in Berlin stimmten 62 Prozent der Delegierten für eine Legalisierung von Cannabis unter strikten Auflagen. Marihuana sollte künftig als Genussmittel in lizensierten Geschäften verkauft werden können, allerdings nur an volljährige Konsumenten und nach hinreichender Aufklärung.

Die derzeitige Gesetzeslage, so die FDP, kriminalisiere die Nutzer, lasse Abhängige allein und belege sie mit Strafen, „die sie erst recht in der Drogenszene versinken lassen“.

Die Liberalen plädieren dafür, Cannabis wie Zigaretten zu besteuern und die zusätzlichen Einnahmen sowie Einsparungen bei Justiz und Polizei für Maßnahmen zum Jugendschutz und zur Drogenprävention zu nutzen.

Linke will Legalisierung

Neben den Liberalen setzen sich auch die Linken für eine Legalisierung von Cannabis ein. Mit Joachim Pfeiffer, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU im Bundestag, hat sich kürzlich erstmals auch ein Unionspolitiker für die regulierte Freigabe von Cannabis ausgesprochen.

Pfeiffer hat mit seinem Grünen-Kollegen Dieter Janecek dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, in der beide die Ziele des zurzeit geltenden Cannabisverbots für gescheitert erklären und auf die Erfolge anderer Staaten bei der Liberalisierung und Regulierung des Marktes verweisen, die sich nicht zuletzt in sprudelnden Steuereinnahmen zeigten.

Ablehnung erfuhr Pfeiffers Initiative jedoch vor allem in seiner eigenen Partei. „Ein rein wirtschaftspolitischer Zugang greift in dieser Debatte entschieden zu kurz“, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn.

„Mit dem Argument, so könne man den Schwarzmarkt bekämpfen und Steuern einnehmen, könnte man auch die Legalisierung von Heroin begründen.“

Aber Spahn ist gesprächsbereit: „Natürlich kann man darüber reden, ob man den Besitz von geringen Mengen von Cannabis bundesweit einheitlich straffrei stellt, um die Konsumenten nicht zu kriminalisieren. Das ist aber was anderes als eine umfassende Legalisierung.“

Gröhe strikt gegen Freigabe

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnt eine Freigabe von Cannabis strikt ab, weil er dadurch vor allem eine Verharmlosung der gesundheitlichen Folgen des Cannabis-Konsums fürchtet.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler von der CSU, stößt ins gleiche Horn: Wenn Cannabis für Erwachsene legalisiert werde, kämen auch Kinder leichter an diese Droge.

In der SPD hält man sich zum Thema noch weitgehend bedeckt. Karl Lauterbach, Arzt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD, kann sich eine Behandlung von Schmerzpatienten mit Cannabis zwar vorstellen, warnt aber davor, „durch die Hintertür Cannabis zu legalisieren“.

Sein Fraktionskollege Burkhard Blienert hingegen meint, dass eine regulierte Freigabe von Cannabis zumindest den Schwarzmarkt austrocknen könnte. Und die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann forderte den SPD-Vorsitzenden Gabriel jüngst zu einer eigenen Initiative auf: „Cannabis sollte endlich legal sein. Deshalb, lieber Sigmar, mach Dich locker und lass uns das gemeinsam durchziehen.“

In Bremen zumindest hat die SPD mit den Grünen in ihren gemeinsamen Koalitionsverhandlungen vereinbart, beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin (BfArM) einen Modellversuch zu beantragen mit dem Ziel, den Cannabis-Verkauf kontrolliert in Abgabestellen, etwa in Apotheken, zu erlauben.

Das habe den Vorteil, dass die Konsumenten dort auch fachlich beraten werden könnten. Vorbild ist ein Modellversuch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo künftig in vier bis fünf Coffeeshops nach niederländischem Vorbild qualitätsgeprüftes Cannabis an eine begrenzte Anzahl von Konsumenten verkauft werden soll.

Ausufernde Kriminalität eindämmen

Ein entsprechender Antrag ist jüngst beim BfArM eingereicht worden. Dessen Entscheidung könnte Signalwirkung haben. Auch der Hamburger Distrikt Altona-Nord Sternschanze plant einen Modellversuch zur kontrollierten Abgabe. Damit will man die ausufernde Drogenkriminalität eindämmen.

Für schwerkranke Patienten soll Cannabis im Übrigen künftig leichter zugänglich sein, mehr noch: Nach dem Willen der Drogenbeauftragten Marlene Mortler soll der Konsum von Marihuana für chronisch kranke Schmerzpatienten ab dem kommenden Jahr sogar Kassenleistung sein.

Für die Cannabis-Freigabe an Kranke sprachen sich in einer repräsentativen Infratest-Umfrage auch 90 Prozent der Bundesbürger aus, 59 Prozent sind allerdings gegen eine generelle Freigabe der Droge. Eine Ausnahme sind die 18- bis 29-Jährigen, unter denen 55 Prozent für eine Legalisierung von Cannabis plädieren.

Cannabis-Legalisierung: Colorado ist Vorreiter

Mit der Legalisierung von Marihuana hat der US-Bundesstaat Colorado Geschichte geschrieben. Seit 1. Januar 2014 dürfen die Einwohner Colorados erstmals in der Geschichte der USA die Droge in Geschäften legal erwerben. Voraussetzung ist ein Mindestalter von 21 Jahren.

Laut Gesetz ist der Erwerb von einer Unze (etwa 28 Gramm) Marihuana erlaubt. Das gilt allerdings nur für Bürger Colorados, US-Bürger anderer Bundesstaaten müssen sich mit einer Viertel Unze (sieben Gramm) Marihuana zufrieden geben. Der Konsum von Marihuana in der Öffentlichkeit bleibt verboten.

Das Gesetz geht auf eine Volksinitiative („Colorado Amendment 64“) zur Legalisierung und Regelung von Cannabis als Rauschmittel analog zum Alkohol zurück. 55,32 Prozent der Bürger Colorados stimmten dabei 2012 für die Legalisierung der Droge, 44,68 Prozent dagegen. Zuvor war der Erwerb von Marihuana in Colorado – wie in gut 20 weiteren US-Bundesstaaten auch – nur aus medizinischen Gründen möglich.

Grundsätzlich ist Cannabis in den USA seit 1937 gesetzlich verboten, doch immer mehr Bundesstaaten schreiben – meist in Folge von Volksinitiativen – eigene Gesetze. Im US-Bundesstaat Washington etwa ist der Kauf von bis zu einer Unze Cannabis erlaubt, allerdings ist dort der Eigenanbau, anders als in Colorado, verboten. Alaska und Oregon stimmten per Volksentscheid im November 2014 ebenfalls für die Legalisierung des Besitzes und Verkaufs von Cannabis in geringen Mengen. (smi)

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Pete Smith)

4 Gedanken zu „Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch#8220;

  1. Es fehlt jeglicher Hinweis auf die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei CRPS. Das muss doch an den Anfang gestellt werden. Die Wirksamkeit hinsichtlich Schmerzreduktion ist teilweise enttäuschend. Wecken Sie bitte keine erhöhten Erwartungen!

  2. Schade, Herr Fischer, dass Sie scheinbar wenig CRPS Patienten kennen. Denn ich kenne mehrere Mitbetroffene, die durch Cannabis Linderung erfahren. Natürlich hilft es nicht allen, aber welches Medikament kennen Sie, dass bei allen gleich gut wirkt? Mir hilft Cannabis nicht, aber das kann man nicht verallgemeinern. Und daher rate ich jedem: versucht es, denn bei CRPS gibt es nur eine Liste von Behandlungen, die man versuchen kann, um Linderung zu erfahren, ohne Erfolgsgarantie. Cannabis hilft – auch ohne Studie oder DIN Norm – genauso wie TCM helfen kann, auch da kenne ich einen Betroffenen. Ein positives Ergebniss lässt andere hoffen. Bei CRPS ist das so, weil man verzweifelt ist und mit den Schmerzen nicht leben will. Auch ohne Doktortitel bin ich Experte zum Thema, denn ich selbst leide seit 4 1/2 Jahren an CRPS und leite eine Selbsthilfegruppe.
    Wie scheinheilig ist es, uns Psychopharmaka, Antidepressiva oder Opiate zu geben, Cannabis aber zu verweigern? Da sind andere Europäische Länder schon weiter. Hier wird Cannabis bei Schmerz verschrieben und angewendet. Wollen Sie Ihren Patienten die Möglichkeit einer Linderung verweigern?

    • Liebe Brigitte,

      du sprichst es genau so aus wie ich es denke, uns werden Psychopharmaka ,Antidepressiva

      verschrieben die teils oder zeitweise nur wirken . Sobald wir diese Medikamente nehmen und zu

      Ärzten kommen die nichts von CRPS verstehen heißt es dann wir haben es ja mit der Psyche also

      ein Kopf Problem dieses haben mir schon viele Betroffenen erzählt, ich habe das Glück bislang nicht

      als Psychobetroffener CRPS Patient abgestempelt zu sein. Wir müssen mit den Schmerzen leben ,

      müssen Medikamente über Jahre und vielleicht auch bis zum Ende unseres Lebens nehmen und wenn

      es nun mal hilft warum sollte man es dann nicht befürworten .Ich musste schon mehrmals neue

      Medikamente testen bzw. umstellen weil die Wirkung nicht mehr vorhanden war. Wir haben auch ein

      Recht auf ein Leben ohne Schmerz oder zumindest mit wenig Schmerz. Warum muss Deutschland

      in der Legalisierung hinterher hinken ??? Es reicht doch schon das wir in der Forschung was CRPS

      angeht hinten anstehen , nichts ,kaum oder wie auch immer wir es nennen wollen. Leider haben

      einfach noch zu wenig Ärzte das Fachwissen .

  3. Vielen Dank für Eure offenen Antworten zum Thema Cannabis. Ich möchte hier nur auf die Freigabe außerhalb Europas (in den USA) hinweisen, was ich schon als Meilenstein erachte!
    Es ist nicht verständlich, warum chronisch leidenden Patienten quasi zur Kriminalität gezwungen werden, weil man sich das helfende Cannabis über dunkle Kanäle besorgen muss.
    Mein behandelnder Arzt hat mir das Cannabis offiziell verschrieben und weder die Pharmaindustrie noch meine Apotheke hatten Bedenken, mich gemäß Rezept zu beliefern. leider hat meine gesetzliche Krankenkasse die Kostenübernahme abgelehnt. Und als EU-Rentner, was sehr viele CRPS Betroffene irgendwann sind, kann man die Kosten für etwas was einem hilft und das Leben ein wenig lebenswerter machen kann, nicht selbst tragen.
    Aber wie Ihr ganz richtig schreibt, sind wir ohnehin schon benachteiligt, da sehr viele Länder aktiv an der Erforschung des Morbus Sudeck / CRPS beteiligt sind – mit Ausnahme unseres Landes! Armes Deutschland!

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