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03.07.2015

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister. © Richard Villalon / Fotolia

Beim Thema Cannabis scheiden sich schon seit Langem die Geister.
© Richard Villalon / Fotolia

Cannabis: Dauerstreit um das Recht auf den Rausch

NEU-ISENBURG. Wird Cannabis in Deutschland legalisiert? Seit die Grünen vor einigen Monaten ihren Entwurf für ein Cannabiskontrollgesetz in den Bundestag eingebracht haben, der den Handel und Besitz der Droge ermöglichen soll, ist unter Befürwortern und Gegnern der Legalisierung eine hitzige Debatte entbrannt.

Unterdessen wollen einige Bezirke und Stadtstaaten Fakten schaffen: In Bremen, Hamburg und Berlin gibt es Initiativen mit dem Ziel, Marihuana künftig in Apotheken oder Coffeeshops legal zu erwerben.

In Deutschland sind Anbau, Herstellung, Handel, Einfuhr, Ausfuhr, Abgabe und Veräußerung von Cannabis grundsätzlich strafbar. Ausnahmen sieht das Betäubungsmittelgesetz nur für die medizinische Verwendung von Cannabis und die Verarbeitung von Faserhanf-Sorten mit stark reduziertem THC-Gehalt vor.

Dagegen ist der Konsum von Drogen in Deutschland nicht verboten, da er rechtlich als straffreie Selbstschädigung gilt.

Langer Widerstand gegen Verbot

Gegen das Verbot von Cannabis regt sich seit Jahren Widerstand. Strafrechtler wie der Bremer Jurist Lorenz Böllinger halten die derzeitige Gesetzeslage gar für verfassungswidrig. „Das Grundrecht auf Handlungsfreiheit sieht vor, dass wir uns selbst schädigen dürfen“, argumentiert Böllinger.

„Es gibt daher ein Recht auf den Rausch, und dieses Recht darf vom Staat nicht unterlaufen werden.“ Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes vertritt die Auffassung, dass sich mit der Legalisierung von Cannabis der Schwarzmarkt austrocknen lasse und damit der organisierten Kriminalität die Grundlage entzogen würde.

„Die Prohibitionspolitik im Bereich von Cannabis ist vollständig gescheitert“, konstatieren die Grünen in ihrem „Entwurf eines Cannabiskontrollgesetzes“ und begründen ihre Einschätzung unter anderem damit, dass Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge sei.

„In Deutschland gebrauchen nach Schätzungen allein 2,3 Millionen volljährige Bürgerinnen und Bürger Cannabis. 22,2 Prozent der 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Schüler haben Cannabis konsumiert.“

Der illegale Handel mit Marihuana könne nicht effektiv kontrolliert werden, mit der Folge, dass auch verunreinigte Cannabis-Produkte sowie solche mit synthetisch erhöhtem Wirkstoffgehalt vertrieben würden. Nach den Grünen hat sich auch die FDP für eine Liberalisierung der Drogengesetze ausgesprochen.

Auf ihrem Bundesparteitag Mitte Mai in Berlin stimmten 62 Prozent der Delegierten für eine Legalisierung von Cannabis unter strikten Auflagen. Marihuana sollte künftig als Genussmittel in lizensierten Geschäften verkauft werden können, allerdings nur an volljährige Konsumenten und nach hinreichender Aufklärung.

Die derzeitige Gesetzeslage, so die FDP, kriminalisiere die Nutzer, lasse Abhängige allein und belege sie mit Strafen, „die sie erst recht in der Drogenszene versinken lassen“.

Die Liberalen plädieren dafür, Cannabis wie Zigaretten zu besteuern und die zusätzlichen Einnahmen sowie Einsparungen bei Justiz und Polizei für Maßnahmen zum Jugendschutz und zur Drogenprävention zu nutzen.

Linke will Legalisierung

Neben den Liberalen setzen sich auch die Linken für eine Legalisierung von Cannabis ein. Mit Joachim Pfeiffer, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU im Bundestag, hat sich kürzlich erstmals auch ein Unionspolitiker für die regulierte Freigabe von Cannabis ausgesprochen.

Pfeiffer hat mit seinem Grünen-Kollegen Dieter Janecek dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, in der beide die Ziele des zurzeit geltenden Cannabisverbots für gescheitert erklären und auf die Erfolge anderer Staaten bei der Liberalisierung und Regulierung des Marktes verweisen, die sich nicht zuletzt in sprudelnden Steuereinnahmen zeigten.

Ablehnung erfuhr Pfeiffers Initiative jedoch vor allem in seiner eigenen Partei. „Ein rein wirtschaftspolitischer Zugang greift in dieser Debatte entschieden zu kurz“, erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn.

„Mit dem Argument, so könne man den Schwarzmarkt bekämpfen und Steuern einnehmen, könnte man auch die Legalisierung von Heroin begründen.“

Aber Spahn ist gesprächsbereit: „Natürlich kann man darüber reden, ob man den Besitz von geringen Mengen von Cannabis bundesweit einheitlich straffrei stellt, um die Konsumenten nicht zu kriminalisieren. Das ist aber was anderes als eine umfassende Legalisierung.“

Gröhe strikt gegen Freigabe

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnt eine Freigabe von Cannabis strikt ab, weil er dadurch vor allem eine Verharmlosung der gesundheitlichen Folgen des Cannabis-Konsums fürchtet.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler von der CSU, stößt ins gleiche Horn: Wenn Cannabis für Erwachsene legalisiert werde, kämen auch Kinder leichter an diese Droge.

In der SPD hält man sich zum Thema noch weitgehend bedeckt. Karl Lauterbach, Arzt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD, kann sich eine Behandlung von Schmerzpatienten mit Cannabis zwar vorstellen, warnt aber davor, „durch die Hintertür Cannabis zu legalisieren“.

Sein Fraktionskollege Burkhard Blienert hingegen meint, dass eine regulierte Freigabe von Cannabis zumindest den Schwarzmarkt austrocknen könnte. Und die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann forderte den SPD-Vorsitzenden Gabriel jüngst zu einer eigenen Initiative auf: „Cannabis sollte endlich legal sein. Deshalb, lieber Sigmar, mach Dich locker und lass uns das gemeinsam durchziehen.“

In Bremen zumindest hat die SPD mit den Grünen in ihren gemeinsamen Koalitionsverhandlungen vereinbart, beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin (BfArM) einen Modellversuch zu beantragen mit dem Ziel, den Cannabis-Verkauf kontrolliert in Abgabestellen, etwa in Apotheken, zu erlauben.

Das habe den Vorteil, dass die Konsumenten dort auch fachlich beraten werden könnten. Vorbild ist ein Modellversuch im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo künftig in vier bis fünf Coffeeshops nach niederländischem Vorbild qualitätsgeprüftes Cannabis an eine begrenzte Anzahl von Konsumenten verkauft werden soll.

Ausufernde Kriminalität eindämmen

Ein entsprechender Antrag ist jüngst beim BfArM eingereicht worden. Dessen Entscheidung könnte Signalwirkung haben. Auch der Hamburger Distrikt Altona-Nord Sternschanze plant einen Modellversuch zur kontrollierten Abgabe. Damit will man die ausufernde Drogenkriminalität eindämmen.

Für schwerkranke Patienten soll Cannabis im Übrigen künftig leichter zugänglich sein, mehr noch: Nach dem Willen der Drogenbeauftragten Marlene Mortler soll der Konsum von Marihuana für chronisch kranke Schmerzpatienten ab dem kommenden Jahr sogar Kassenleistung sein.

Für die Cannabis-Freigabe an Kranke sprachen sich in einer repräsentativen Infratest-Umfrage auch 90 Prozent der Bundesbürger aus, 59 Prozent sind allerdings gegen eine generelle Freigabe der Droge. Eine Ausnahme sind die 18- bis 29-Jährigen, unter denen 55 Prozent für eine Legalisierung von Cannabis plädieren.

Cannabis-Legalisierung: Colorado ist Vorreiter

Mit der Legalisierung von Marihuana hat der US-Bundesstaat Colorado Geschichte geschrieben. Seit 1. Januar 2014 dürfen die Einwohner Colorados erstmals in der Geschichte der USA die Droge in Geschäften legal erwerben. Voraussetzung ist ein Mindestalter von 21 Jahren.

Laut Gesetz ist der Erwerb von einer Unze (etwa 28 Gramm) Marihuana erlaubt. Das gilt allerdings nur für Bürger Colorados, US-Bürger anderer Bundesstaaten müssen sich mit einer Viertel Unze (sieben Gramm) Marihuana zufrieden geben. Der Konsum von Marihuana in der Öffentlichkeit bleibt verboten.

Das Gesetz geht auf eine Volksinitiative („Colorado Amendment 64“) zur Legalisierung und Regelung von Cannabis als Rauschmittel analog zum Alkohol zurück. 55,32 Prozent der Bürger Colorados stimmten dabei 2012 für die Legalisierung der Droge, 44,68 Prozent dagegen. Zuvor war der Erwerb von Marihuana in Colorado – wie in gut 20 weiteren US-Bundesstaaten auch – nur aus medizinischen Gründen möglich.

Grundsätzlich ist Cannabis in den USA seit 1937 gesetzlich verboten, doch immer mehr Bundesstaaten schreiben – meist in Folge von Volksinitiativen – eigene Gesetze. Im US-Bundesstaat Washington etwa ist der Kauf von bis zu einer Unze Cannabis erlaubt, allerdings ist dort der Eigenanbau, anders als in Colorado, verboten. Alaska und Oregon stimmten per Volksentscheid im November 2014 ebenfalls für die Legalisierung des Besitzes und Verkaufs von Cannabis in geringen Mengen. (smi)

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Pete Smith)
24. Juli 2015 · Kommentare deaktiviert für Bürokratieabbau: Nur noch ein Formular für Krankschreibungen ab 2016 · Kategorien: Aktuelles, Allgemein · Tags: , , , , ,

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16.06.2015

Bürokratieabbau: Nur noch ein Formular für Krankschreibungen ab 2016

Weniger Bürokratie bringt ein neues ab dem Jahr 2016 geltendes Formular, auf dem Vertragsärzte eine Arbeitsunfähigkeit sowohl während der Entgeltfortzahlung als auch während der Krankengeldzahlung bescheinigen können. Auf diese Änderungen hat sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit dem GKV-Spitzenverband verständigt. Das bisherige Formular zum Bezug von Krankengeld fällt dann weg.

Der sogenannte Auszahlschein für Krankengeld (Muster 17) wird in die klassische Arbeitsunfähigkeits(AU)-Bescheinigung (Muster 1) integriert. Auf dem neuen Muster 1 bescheinigen Vertragsärzte sowohl eine Arbeitsunfähigkeit während der Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber als auch während der Krankengeldzahlung durch die Krankenkasse. Mit der geplanten Änderung greift die KBV Vorschläge von Vertragsärzten auf. Die AU-Bescheinigung gehört neben dem Arzneimittelrezept zu den am häufigsten ausgestellten Formularen.

Neu ist außerdem, dass Patienten künftig einen Durchschlag der Krankschreibung erhalten. Bislang bekommen nur die Krankenkasse und der Arbeitgeber eine Kopie. Der Durchschlag enthält einen Hinweis, dass für den Bezug von Krankengeld ein lückenloser Nachweis der Arbeitsunfähigkeit erforderlich ist. Mit dieser Information auf dem neuen Formular reagieren KBV und Krankenkassen darauf, dass Patienten in der Vergangenheit den Anspruch auf Krankengeld verloren haben, weil sie gegenüber ihrer Kasse ihre Arbeitsunfähigkeit nicht lückenlos nachgewiesen haben. Den Vertragsarzt sichert der Hinweis zudem vor möglichen Schadensersatzansprüchen ab.

(Quelle: Patienten-Newsletter der KVN)
24. Juli 2015 · Kommentare deaktiviert für Schmerzpatienten: Probleme der Versorgung bestehen fort · Kategorien: Aktuelles, Allgemein · Tags: , , ,

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30.06.2015

Schmerzpatienten

Probleme der Versorgung bestehen fort

Chronische Schmerzpatienten erhalten mehr Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren. Doch die strukturellen Defizite in der Versorgung sind nach wie vor ungelöst. Dieses Fazit zog die Initiative „Wege aus dem Schmerz“.

Von Philipp Grätzel von Grätz

BERLIN. Fünf Jahre nach ihrer Gründung zieht die Initiative „Wege aus dem Schmerz“ eine gemischte Bilanz. Grundsätzliche strukturelle Probleme der Schmerzversorgung in Deutschland sind weiterhin ungelöst.

In der Initiative „Wege aus dem Schmerz“ haben sich Deutsche Schmerzliga, Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) und Deutsche Schmerzgesellschaft sowie das Unternehmen Pfizer zusammengefunden, um die Unter- und Fehlversorgung von Patienten mit chronischem Schmerz zu verringern.

Gründungsdokument war damals eine „Freiheitserklärung“, die forderte, chronische Schmerzen als Krankheit anzuerkennen, Patienten von Anfang an gezielt zu behandeln und den Menschen im Sinne einer sprechenden Medizin stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Noch nicht genug erreicht

„Wir haben einiges erreicht, aber noch längst nicht genug“, sagte DGS-Präsident Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Leiter des Schmerzzentrums Göppingen. Positiv hervorzuheben sei beispielsweise, dass Schmerz 2013 zum Bestandteil des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) wurde.

Auch das hohe Medieninteresse am Thema chronischer Schmerz wertete Müller-Schwefe als einen Erfolg der gemeinsamen Bemühungen um mehr Aufmerksamkeit für Schmerzpatienten.

Strukturell dagegen bestünden viele der Defizite, die vor fünf Jahren schon bestanden, weiterhin. Dringend geboten ist für Müller-Schwefe die Aufnahme von chronischem Schmerz in die Bedarfsplanung.

Es sei weiterhin weitgehend Zufall, ob ein Schmerzpatient in seiner Region einen Arzt mit schmerztherapeutischer Zusatzausbildung finde oder nicht.

Problem der Praxisnachfolge

Mehr noch: Dort wo solche Anlaufstellen existieren, könne im gegenwärtigen System nicht einmal sichergestellt werden, dass sie erhalten bleiben. Schmerztherapeuten mit allgemeinmedizinischem Hintergrund hätten beispielsweise erhebliche Probleme, Praxisnachfolger zu finden, weil schmerztherapeutisch qualifizierte Anästhesisten den jeweiligen KV-Sitz nicht übernehmen dürften.

Da die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin als möglicher Ausweg aus diesem Dilemma kurzfristig unrealistisch ist, plädierten die in Berlin anwesenden Schmerzexperten für einen Fachkundenachweis Schmerzmedizin in Analogie zum Fachkundenachweis Notfallmedizin.

Damit könne die schmerztherapeutische Versorgung auf breitere Füße gestellt werden, sagte DGS-Präsident Müller-Schwefe.

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Philipp Gretel von Grätz)
24. Juli 2015 · Kommentare deaktiviert für Nutzen widerlegt: Strom hilft nicht bei Rückenschmerzen · Kategorien: Aktuelles, Allgemein · Tags: , , , ,

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25.06.2015

Keine Linderung durch Stromtherapie bei Rückenschmerzen! © Gina Sanders / fotolia.com

Keine Linderung durch Stromtherapie bei Rückenschmerzen!
© Gina Sanders / fotolia.com

Nutzen widerlegt

Strom hilft nicht bei Rückenschmerzen

Einen Versuch war es wert: Forscher haben untersucht, ob die transkranielle Gleichstromtherapie chronischen Rückenschmerz-Patienten Linderung bringt. Mit ernüchternden Ergebnissen.

Von Thomas Müller

HAMBURG. Gegen chronischen Rückenschmerz ist bekanntlich kaum ein Kraut gewachsen, am ehesten scheinen multimodale Konzepte unter Einbeziehung einer kognitiven Verhaltenstherapie etwas zu nützen.

Damit lässt sich dysfunktionales, symptomverstärkendes Denken und Handeln abschwächen, aber die Effekte sind häufig nur minimal, geben Schmerzexperten um Dr. Kerstin Lüdtke und Professor Arne May vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zu bedenken.

Wirksamere Therapien sind also dringend nötig, und es gibt kaum etwas, das nicht versucht wird. Zu den experimentellen Ansätzen zählt auch die transkranielle Gleichstromtherapie (tDCS). Dabei werden Elektroden am Schädel angelegt und die angrenzenden Hirnstrukturen mit einem leichten Gleichstrom gereizt.

Auf diese Weise kann die kortikale Exzitabilität beeinflusst werden. Da das Schmerzempfinden letztlich im Gehirn entsteht, hoffen Forscher, auf diese Weise auch chronische Schmerzen zu lindern.

Kleinere Studien mit tDCS bei chronischem Rückenschmerz hatten zum Teil eine gewisse Wirksamkeit nahegelegt.

Therapie mit intensivem Training

Dem wollte das Team um Lüdtke nun anhand einer großen randomisiert-kontrollierten Studie mit 135 Patienten auf den Grund gehen (BMJ 2015; 350: h1640). Die Teilnehmer hatten alle seit mindestens zwölf Wochen persistierende unspezifische lumbale Schmerzen.

Alle bekamen eine multimodale Therapie mit Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur, Entspannungsübungen und Schmerzbewältigungsstrategien.

Das Training war sehr intensiv: Fünf Stunden pro Tag mussten sich die Patienten mit den Übungen beschäftigen, und das vier Wochen lang.

Vor Beginn des Trainings erhielten sie nun fünf Tage lang täglich eine 20-minütige tDCS-Behandlung mit 2 mA anodalem Strom über dem linken motorischen Kortex oder aber eine Scheinstimulation. Dabei wurde der Strom nach 30 Sekunden abgeschaltet.

Die Ärzte um Lüdtke wollten zum einen schauen, ob die tDCS die Schmerzen direkt lindert, zum anderen, ob die Behandlung in der Lage ist, den Erfolg der anschließenden multimodalen Therapie zu verbessern.

Dies war jedoch nicht der Fall. Nach fünf Tagen tDCS-Therapie war der Schmerz auf einer 100-Punkte-Analogskala im Schnitt von 48 auf 42 Punkte gesunken, mit der Scheinstimulation von ebenfalls 48 auf 41 Punkte.

Nach den vier Wochen multimodaler Therapie lag der Wert in der tDCS-Gruppe bei 26, in der Kontrollgruppe bei 23 Punkten – hier gelang die Schmerzlinderung sogar etwas besser, die Unterschiede waren jedoch nicht signifikant.

Nach einem Jahr lag der Schmerzwert bei 29 Punkten in der tDCS- und bei 22 Punkten in der Kontrollgruppe. Die multimodale Therapie scheint also durchaus wirksam zu sein, die initiale tDCS-Behandlung hatte jedoch zu keinem Zeitpunkt einen Einfluss auf die Schmerzen.

tDCS bei Rückenschmerz ungeeignet

Nicht viel besser war das Ergebnis, wenn sich die Forscher die Auswirkungen der Rückenschmerzen auf die Beweglichkeit, den Schlaf sowie das Sozial- und Sexualleben anhand des Oswestry Disability Index anschauten. Auch hier gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Nach Angaben der Studienautoren ist diese die erste randomisiert-kontrollierte Studie mit einer Patientenzahl, die groß genug ist, die Wirksamkeit der tDCS auf Schmerzintensität und Einschränkungen bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen zu belegen.

Dabei ließ sich nach fünf tDCS-Sitzungen weder allein noch in Kombination mit der folgenden multimodalen Therapie ein signifikanter Effekt nachweisen.

Das Ergebnis spreche dafür, dass die tDCS zur Therapie bei chronischem lumbalem Rückenschmerz ungeeignet sei, schreiben die Ärzte um Lüdtke.

(Quelle: Ärztezeitung.de, Artikel von Thomas Müller)
24. Juli 2015 · Kommentare deaktiviert für Magnetfeldtherapie: Bitte Vernunft abstoßen · Kategorien: Aktuelles, Allgemein · Tags: , , , ,

DocCheckNews

22. Juni 2015

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Magnetfeldtherapie: Bitte Vernunft abstoßen

Seit Menschengedenken versuchen „Heilkundige“, mit Magneten Wehwehchen zu kurieren. Dank evidenzbasierter Therapien haben es solche Behandlungen schwer. Vermeintliche Fachartikel und Experten helfen da nur wenig. Geringe Feldstärken gehen im Grundrauschen unter.

Bei nicht invasiven Magnetfeldtherapien (MFT) erzeugen Geräte statische oder pulsierende Felder unterschiedlichster Art. Generell sollen MFT Wunden schneller heilen lassen, Migräne lindern oder degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparats verbessern. Befürworter argumentieren vor allem mit physikalischen Änderungen auf molekularer Ebene, um den Zellstoffwechsel zu verbessern und Gewebe besser zu durchbluten.

Frag mal den Experten

Wer im Web zu Themen rund um Mikrozirkulation und MFT recherchiert, stößt immer wieder auf einen Namen: Professor Dr. med. Rainer-Christian Klopp. Seinem Lebenslauf zufolge war Klopp von 1983 bis 1990 Oberarzt am Institut für Kardiovaskuläre Diagnostik der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité) und Leiter der selbständigen Universitätsabteilung für Mikrozirkulation. Kurz darauf gründete er das Institut für Mikrozirkulation an der Charité; seit 1992 ein selbständiges Forschungsinstitut. Sein Online-Auftritt liefert nur spärliche Informationen, ohne auf Details einzugehen: „Die Forschungstätigkeit des Institutes ist nicht von Geldzuwendungen der Wirtschaft abhängig. Zur Realisierung seiner Forschungsvorhaben verfügt das Institut über regelmäßige eigene Einnahmen […].“ Nach einem Impressum sucht man vergebens. Einige Angaben sind laut Telemediengesetz, Paragraph 5, verpflichtend. Zeitgleich äußert sich Klopp auf Websites kommerzieller Anbieter wie der „BEMER-Technologie“. Damit nicht genug: Wer bei PubMed nach Veröffentlichungen in medizinisch relevantem Kontext recherchiert, stößt tatsächlich auf einige Treffer. Nur handelt es sich ausnahmslos um Supplemente – nicht um Originalartikel – des „Journal of Complementary and Integrative Medicine“.

Ein Kreuz mit dem Kreuz

Obwohl Artikel in namhaften Fachzeitschriften größtenteils fehlen, bieten Ärzte MFT bei diversen Indikationen an. Kürzlich hat sich der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbands im „IGeL-Monitor“ mit der Thematik befasst. Experten fanden lediglich drei Reviews zu MFT und Schmerzen aus den Jahren 2005, 2007 und 2011. Speziell zu Kreuzschmerzen gab es drei randomisierte, kontrollierte Studien. An der gemäß Jadad-Score qualitativ hochwertigsten Arbeit hatten lediglich 20 Patienten teilgenommen. Es fand sich kein Anhalt für einen Nutzen des statischen Magneten mit 30 Millitesla Feldstärke. In einer als methodisch schlecht bewerteten Studie mit 41 Kreuzschmerzpatienten gab es ebenfalls keinen signifikanten Unterschied zwischen Verum und Scheinbehandlung. Nur in einer auf Japanisch publizierten Untersuchung sollen sich die Kreuzschmerzen verbessert haben, wenn der 180 Millitesla starke Magnet kontinuierlich über drei Wochen auf der schmerzenden Stelle getragen wurde, und zwar im Vergleich zu Patienten, die einen 10-Millitesla-Magneten bekommen hatten. Außerdem sei die Verblindung an keiner Stelle überprüft worden, kritisiert der MDS. Studiendaten von 146 Patienten mit Kreuzschmerzen seien generell zu gering für eine Aussage, heißt es weiter.

Müde oder Magnet

Bei anderen Indikationen sieht es zahlenmäßig ähnlich dürftig aus. Professor Dr. Joachim Piatkowsi, Dresden, hat 37 Patienten mit Multipler Sklerose und Fatigue in eine placebokontrollierte Studie aufgenommen. Sie legten sich zweimal täglich für je acht Minuten auf aktivierte (Verum) oder ausgeschaltete Magnetfeldtherapie-Matten (Placebo). Nach zwölf Wochen trat ein statistisch signifikanter Unterschied auf, gemessen anhand der Modified Fatigue Impact Scale. Der Wert sank von 32 auf 27 Punkte, unter der Scheinbehandlung verringerte er sich von 38 auf 37 Punkte. Dann folgten eine Crossover- und eine Langzeitstudie. Am Ende waren es 17 (Verum) versus 43 Punkte (Placebo) im MFIS-Score. Für eine Empfehlung reichen die Patientenzahlen jedenfalls nicht aus.

Vom Schlag getroffen

Alle bislang genannten Studien arbeiten mit vergleichsweise schwachen Feldstärken. Dass sich Magnetfelder generell therapeutisch einsetzen lassen, bezweifeln Ärzte und Physiker nicht. Bei der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) erzeugen Spulen etwa drei Tesla: bis zu 15 Mal mehr als bei sonstigen Verfahren. Giacomo Koch aus Rom behandelte mit diesem Verfahren 20 Patienten [Paywall], die an einem linksseitigen Neglect litten. Alle Personen nahmen an einem Aufmerksamkeitstraining teil. Nach zwei Wochen erreichten Personen der TMS-Gruppe 190 Punkte im Behavioral Inattention Test. Bei der Gruppe mit Scheininterventionen waren es lediglich 175. Vor der Studie lag der Wert in beiden Gruppen bei 170. Schöne Zahlen – nur hilft die Verbesserung Patienten nicht, um besser im normalen Leben zurechtzukommen. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um einen tatsächlichen Mehrwert zu erzielen. Und die Moral von der Geschicht’? Große Feldstärken zeigen Effekte, die sich nicht nur diagnostisch, sondern auch therapeutisch nutzen lassen. Niedrige Feldstärken bewegen sich eher in der Größenordnung des allgegenwärtigen Elektrosmogs – und der wird nicht immer positiv bewertet.

(Quelle: DocCheckNews, Artikel von Michael van den Heuvel)